Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Das Entsetzen über den Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund mag sich allmählich legen – die Spieler haben bereits letztes Wochenende beim Sieg gegen Eintracht Frankfurt ihre Professionalität bewiesen –, aber anhalten wird das Entsetzen über die Gefühlskälte der Uefa, die der Mannschaft zugemutet hatte, nur einen Tag nach dem Attentat das Spiel gegen AS Monaco nachzuholen (das prompt verloren ging).

Mehr als eine Verschiebung um 24 Stunden war offenbar nicht drin. Trainer Thomas Tuchel stand noch neben dem Bus, aus dem gerade der verletzte Marc Bartra geborgen wurde, als das Handy brummte und er die Nachricht von dem neuen Termin erhielt. Was soll man dazu sagen? Man muss sich diese Situation vor Augen führen, man kann sie sich gar nicht oft genug vor Augen führen, um eine gesunde Fassungslosigkeit angesichts der Usancen des Fußballbetriebs zu bewahren und sich nicht vorschnell mit einem zynischen "The show must go on" zu beruhigen.

Denn selbst gesetzt den Fall, man wolle den Sport schon gar nicht mehr als Sport, sondern als Teil des Showbusiness begreifen, für das nun einmal ein eisernes Auftrittsgebot gilt, so wäre doch noch immer zu fragen, ob nicht auch der Show ein gewisses betroffenes Innehalten gedient hätte. Es wäre im Übrigen weder neu noch unerhört gewesen. Die öffentliche Beschäftigung mit dem Seelenleben der Spieler gehört längst ebenfalls zum Unterhaltungsangebot. Warum sollte ausgerechnet hier, wo es auch die reine Menschlichkeit verlangt hätte, von der emotionalen Befindlichkeit abgesehen werden? Glaubt irgendjemand, das Publikum hätte sich verständnislos oder gar angewidert von mangelndem Stehvermögen abgewendet? Ganz sicher nicht.

Die wirkliche Antwort ist ebenso simpel wie brutal. Man muss gar nicht nach möglichen Kommunikationsstörungen zwischen der Uefa und dem Verein fahnden, wie es der Trainer nahelegte ("Wir fühlen uns ohnmächtig und übergangen. Wir wurden von der Uefa behandelt, als wäre eine Bierdose gegen den Bus geflogen"). Es war vielmehr so, dass sich AS Monaco einer längeren Verschiebung schlicht widersetzt hat, ein Ausfall des Spiels aber eine Vertragsstrafe von einer halben Million Euro nach sich gezogen hätte. Monaco wollte keinen späteren Termin, weil dies auch das Rückspiel gefährdet, jedenfalls die Austragung im eigenen Stadion unmöglich gemacht hätte und man auf den Vorteil des Heimspiels nicht verzichten wollte. So weit die höchst plausiblen Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Aber was heißt das? Erstens heißt es: Es geht nur um Geld. Zweitens heißt es, dass es so etwas wie vereinsübergreifende Solidarität nicht gibt. Sollte noch irgendjemand an Fairness und Romantik des Fußballs geglaubt haben, hat er spätestens jetzt keinen Grund mehr dazu. Selbst wenn es zarte Reste solidarischen Empfindens unter Spielern geben sollte – das könnte man sich gerade noch vorstellen –, dann gibt es sie jedenfalls nicht unter Fußballfunktionären, weder untereinander noch gegenüber den Spielern. Manches spricht dafür, dass selbst hartgesottene Vorstände von Dax-Konzernen zartbesaitet sind, verglichen mit ihren Managerkollegen in der Champions League.

Es empfiehlt sich, in diesem Licht noch einmal die hilflosen Äußerungen des Trainers Thomas Tuchel zu lesen: "Es schmerzt sehr, was wir Spielern zumuten. Viele hat der Schock sehr mitgenommen. Wir hatten zu funktionieren." Ei freilich! Es liegt in der Logik von Funktionären – es steckt schon im Wort drin –, alles um sie herum als etwas zu betrachten, das zu funktionieren hat beziehungsweise von ihnen in Funktion zu halten ist. Rührend und sinnlos der Hinweis Tuchels, dass es sich bei Spielern um Menschen handele, dass der Anschlag "uns als Menschen" gegolten habe, ja dass der Anschlag für das Wissen um das eigene Menschsein gar nicht nötig gewesen sei – "dazu hätten wir das Erlebnis nicht gebraucht".