Es geht hier nicht um mich. Sondern um Ahmad Haj Hasan, 23 Jahre alt, Syrer aus Aleppo, wohnhaft seit einem guten Jahr in einem Dorf im Herzogtum Lauenburg: gut 2.000 Einwohner, zwei Supermärkte, eine Imbissbude, eine ranzige Kneipe, ein Fitnessstudio für Jungdörfler mit dem Berufswunsch Türsteher. In so einem Dorf hilft einem nur Sehnsucht. Vor allem dann, wenn man aus einer bunten und lebendigen Stadt kommt, wie Aleppo es einst war. Jede Sehnsucht ist wahrscheinlich gut. Ahmad Haj Hasans Sehnsucht ist eine nach Italien. Nach Venedig.

Es geht hier auch deshalb nicht um mich, weil ich schon zweimal in Venedig war. So zauberhaft ich die Stadt finde, sosehr ich mir gewünscht habe, nur einmal dieses magische Licht über ihren Dächern und Kuppeln mit der Kamera einzufangen, so gerne ich Spaghetti in Tinte esse – ich wäre kein drittes Mal hingefahren. Schließlich ist die Welt groß und wunderbar. Und irgendwie ist Venedig auch ein Museum seiner selbst, von Touristen überlaufen, von Souvenirverkäufern verramscht und verraten. Wenn ich mal ins venezianische Schwärmen geraten will, dann sehe ich mir Commissario Brunetti an, wie er treppauf, treppab durch die Straßen der Lagunenstadt läuft, am Canal Grande entlang, über die Rialtobrücke oder den Markusplatz, und in den Sälen der Palazzi Halunken und Bösewichte zur Strecke bringt.

Solche kühlen Ansichten darf man Ahmad Haj Hasan gegenüber nicht vertreten. Denn erstens ist er jung, und in seinem Alter hat man Illusionen. Zweitens entstammt er einer Welt, in der es viel Poesie gibt. Und alles Italienische ist für ihn Poesie, ist der Inbegriff von Kultur und landschaftlicher Schönheit. So wie Goethe seine italienische Reise aus einer schwärmerischen Sicht auf dieses Land unternahm, überhöht auch Ahmad Italien zu einem Arkadien aller Sehnsucht. Und wie es mit Sehnsüchten oft so ist, wurde auch seine in der Kindheit angelegt: durch ein Buch über die Republik Venedig, wo Kunst und Kultur auf Handel und Reichtum, edle Männer auf schöne Frauen und begabte Architekten auf wagemutige Seefahrer trafen. Später las Ahmad Shakespeares Kaufmann von Venedig.

In Ahmads syrischem Leben war Italien ein ferner Traum. Damals kam er wenig herum, nicht einmal nach Palmyra ist er gereist, als man die antiken Bauwerke dort noch bestaunen konnte. Jetzt bedauert er das. Und soll nicht auch Venedig untergehen? Das macht die Stadt nochmals besonders: schön und verdammt.

Als Ahmad im trüben November 2015 in das trübe Dorf kam, in dem er noch immer wohnt, übernahm ich eine Art Patenschaft für ihn. Schnell hatten wir das Stadium der reinen Integrationshilfe, der Unterstützung bei Behörden- und Arztgängen überwunden und wurden Freunde. Wir kochten zusammen, gingen ins Kino, redeten viel: über dein Land und mein Land, deine Religion und meine Religion, eure Literatur und unsere Literatur. Auch über Träume, Ahmads mehr als meine, denn seine sind noch groß und unerfüllt, meine zum größten Teil gestillt und die, die ich noch habe, nicht mehr so wichtig. Ich habe die halbe Welt bereist. Die längste Reise, die Ahmad je gemacht hat, war jene, die ihn über die Türkei und das Mittelmeer nach Griechenland und von dort auf der Balkanroute nach Deutschland brachte. Reisen um des Reisens willen, sehen, was es noch so gibt auf diesem Kontinent Europa, das wollte er nun. "Wohin denn am liebsten?", fragte ich ihn. Er überlegte keine Sekunde: "Venedig."

Als Ahmad sich ein paar Monate später einen Plattenspieler kaufte und von da an italienische Schmachtopern mit längst verstorbenen Tenören und Sopranistinnen hörte, war es Zeit, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Ich beschloss, ihn zu überraschen, und buchte zwei Flüge.

Sehnsuchtsprojektionen bergen ein beträchtliches Risiko. Wenn die Götter uns bestrafen wollen, erhören sie unsere Gebete, warnte Oscar Wilde. Ahmad und ich sprachen über diese Warnung bei anderer Gelegenheit, und er sagte, es gebe einen ähnlichen Satz in der arabischen Literatur. Der scheint ihm auch jetzt durch den Kopf zu gehen, als er – es sollte ja eine Überraschung sein – erst am Flughafen das Ziel der Reise erfährt. Fortan schweigt Ahmad. Nur über den Alpen drückt er meinen Arm. Nach der Landung, als wir über die Lagune mit dem Boot auf die Inseln zufahren, ist es noch Morgen. Ein schüchternes Licht liegt über allem, den Türmen, den Kuppeln, und lässt die Stadt aussehen, als warte sie ebenso verhalten auf uns wie wir auf sie. Ahmad seufzt beim Näherkommen, wie jemand, der eine schwere Aufgabe vor sich hat. Dann legt das Boot an, wir tauchen in die schmalen Gassen ein. Ahmad streckt die Hände gegen die Hauswände, seufzt noch einmal und spricht endlich wieder: "Es ist wahr. Ich bin in Venedig."

Was macht man mit jemandem, der viel Schreckliches erlebt und gesehen hat und dem man deshalb gerne das Schöne zeigen will? Auf meinen vorangegangenen Reisen hatte ich wenig von dem unternommen, was man als Tourist in Venedig so unternimmt. Kein Arienabend in einem der vielen Kleintheater, kein Essen in einem der Touristenrestaurants entlang des Canal Grande, keine Gondelfahrt. Aus einer seltsamen Verklemmtheit gegenüber den hedonistischen Vergnügungen des Lebens und einer Aversion gegen Nepper und Schlepper verkneife ich mir solche Dinge in jeder Stadt. Um Ahmads willen aber bin ich bereit, Venedig jetzt für das zu nehmen, was in den Reiseführern steht: eine Stadt der Schönheit, der Kunst, der Liebe und des süßen Lebens.

Im Hotel einchecken, ankommen, erst mal Kaffee trinken gehen. Wir wählen ein Café an einem stillen Kanal, gegenüber einer Anlegestelle für Gondeln. Gerade sind keine Kunden da, die Gondolieri stehen herum, rauchen und sagen italienische Worte, die Ahmad nachflüstert. Grazie mille, sagt er, und Prego, signora. Die Kellnerin des Cafés sieht hübsch aus und lächelt Ahmad zu. Der Espresso ist zwar so teuer, als sei er vergoldet, aber gut. Und als dann noch ein paar Sonnenstrahlen auf uns fallen, strecken wir wohlig die Beine aus und versichern uns, genau so müsse es in Venedig sein.