Null. Es ist nur eine Zahl, aber diese Zahl sagt viel aus über das moralische Empfinden von Volkswagen. Null Euro hat der VW-Konzern seinen 8,5 Millionen Kunden in Europa bisher an Entschädigung dafür gezahlt, dass deren Autos vorsätzlich manipuliert wurden. Und geht es nach dem Vorstandschef Matthias Müller, soll es auch bei null Euro bleiben.

Ende März empörte sich Müller gegenüber EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, weil dessen Verbraucherschutz-Kommissarin Věra Jourová wiederholt Entschädigungen ins Gespräch brachte. Für derartige Zahlungen "gibt es keine rechtliche Grundlage", schrieb Müller nach Brüssel. Und weiter: "Nach unserer Auffassung liegt die Durchsetzung europäischer Verbraucherschutzrechte nicht in der Kompetenz der EU-Kommission."

Der Brief, der der ZEIT vorliegt, legt schonungslos offen, woran es in Wolfsburg gerade mangelt – und woran nicht.

VW-Chef Müller fehlt ein Gefühl für Timing und Anstand

Dem Konzern mangelt es offenbar nicht an kundigen Juristen, die Abgasvorschriften so interpretieren, dass Müller nichts Falsches behauptet.

Er beruft sich auf eine Gesetzeslücke, wonach Abschalteinrichtungen,wie sie für VW in den USA zum Verhängnis wurden, in Europa legal seien. Das letzte Wort darüber ist allerdings noch nicht gesprochen.

In diesen Monaten klagen Hunderte Privatkäufer gegen Volkswagen, die meisten, weil VW mehr versprochen als geliefert hat. Sittenwidrig nennen das die Experten, und erste Richter haben Händler oder Hersteller auch schon dazu verdonnert, den Kaufpreis für einen manipulierten VW oder Schwestermodelle zu erstatten. Da die Urteile noch nicht rechtskräftig sind, kann sich Müller aus dem Fenster lehnen, aber richtig sicher sollte er sich nicht fühlen. Jeder vierte Prozess, so berichtete die Bild am Sonntag kürzlich, ging bisher für VW verloren. Und zwar nicht in den viel zitierten USA. Sondern in Deutschland.

Was Müller und den meisten seiner Topmanagement-Kollegen fehlt, ist ein Gefühl für Timing und für Anstand.