Wäre der politische Wandel ein Geräusch, er hörte sich an wie diese Stille an einem Dienstagmorgen in Paris. Zwei, drei Sekunden nur dauert dieser Moment. Stille, wo keine sein sollte – laut wie ein Schrei.

Vorne auf dem Podium, unter barockem Stuck und kristallenen Leuchtern, umrahmt von schweren Gardinen, hat sich Marine Le Pen gerade "future Présidente de la République" genannt.

Zukünftige Präsidentin Frankreichs.

An sich ist das nichts Besonderes, so nennt sie sich ständig. Bei den meisten Wahlkampfauftritten schwenken ihre Anhänger dann die französische Flagge und rufen: "Marine Présidente!"

Aber an diesem Morgen spricht Marine Le Pen nicht vor Anhängern. Sie spricht vor Gegnern.

Vor ihr sitzen 150 Unternehmer. Maßanzüge und Perlenketten, menschgewordener Wohlstand. Livrierte Kellner servieren Kaffee aus silbern glänzenden Kannen. Ein einflussreicher Unternehmerverband hat sechs Wochen vor der Wahl zum Debattenfrühstück ins feine 8. Pariser Arrondissement geladen. Dies ist das Frankreich der Clubs, der Salons, der Wochenendhäuser an der Côte d’Azur und Zweitvillen auf Martinique.

Aber jetzt ist sie hier, Marine Le Pen, Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National. Die Systemzerstörerin ist zu Gast beim System.

Sie sitzt vorne im schwarzen Kostüm und redet und redet, ihre Stimme dunkel wie immer, aber rastloser als sonst, als wolle sie keinen Raum für Widerspruch lassen. Sie ruft ihren Zuhörern zu, sie seien die tragenden Mauern der französischen Wirtschaft. Natürlich gefällt ihnen das. Die Moderatorin, braun gebrannt, als komme sie gerade aus der Karibik, hat sich erkennbar vorgenommen, kritische Fragen zu stellen, aber dann sagt sie doch Sätze wie diese:

"Da bin ich Ihrer Meinung."

"Das sehe ich genauso."

"Das ist nicht falsch."

Nach einer halben Stunde dann dieser Moment. In ungewöhnlich vorsichtigem, fast tastendem Ton sagt Le Pen, sie sei die "zukünftige Präsidentin Frankreichs". Es ist ein Test, man hört es. Einmal den großen Zeh ins Wasser stecken, um die Temperatur zu fühlen. Nachdem sie die Worte ausgesprochen hat, beugt sie sich leicht vor und horcht ihnen hinterher.

Bis vor Kurzem wäre ihre bloße Anwesenheit hier undenkbar, geradezu empörend gewesen. Ihre Behauptung hätte irgendeine Form von Protest ausgelöst.

Und jetzt?

Nichts. Kein Gelächter, keine Zwischenrufe, kein Kopfschütteln, nicht mal ein nervöses Räuspern. Nur angespannte, aufmerksame Stille. Ein Schweigen, das klarmacht: Die Menschen hier nehmen Marine Le Pen ernst. Was sie gerade gesagt hat, ist denkbar geworden. Selbst hier in der bürgerlichen Wirtschaftselite.

Dieser Moment ist ein winzig kleiner und zugleich riesengroßer Sieg für Marine Le Pen, viel wichtiger als eine weitere Euphoriemesse auf einem Marktplatz mit Fahnen, Parolen und geschmetterter Marseillaise. Denn ausgerechnet hier, bei den Gewinnern der Gesellschaft, wird sich entscheiden, ob Marine Le Pen französische Präsidentin wird.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Als Le Pen unter höflichem Applaus den Saal verlassen hat, fischen Anzugträger die letzten Croissants aus den Brotkörben. Niemand schimpft auf die Kandidatin, keiner spricht mit Abscheu von ihr. Einer der Unternehmer aber sagt, am Ende werde hier im Raum ja doch niemand den Front National wählen.

Er irrt sich.

An diesem Morgen sitzt zum Beispiel ein Mann im Saal, der aussieht, wie fast alle hier aussehen. Dunkelblauer Maßanzug, Manschettenknöpfe. Bei den Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag wird er für Marine Le Pen stimmen. Nur würde er das hier niemals zugeben. Will man mit ihm darüber reden, muss man ihn anderswo treffen.

Menschen wie er stehen jetzt im Zentrum von Marine Le Pens politischer Strategie. Um diese zu begreifen, muss man die französische Wirtschaftselite für einen Moment in ihrem Pariser Prunksaal zurücklassen und das Milieu wechseln. Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums, in Frankreichs Unterschicht nämlich, hat Marine Le Pen den Front National bereits zur unangefochtenen Spitzenpartei gemacht. Für viele Menschen im deindustrialisierten Norden und im ländlichen Süden steht sie für letzte Hoffnung in hartnäckiger Trostlosigkeit.

Wollte dieses Dossier vom typischen Front-National-Wähler erzählen, kämen darin Menschen aus diesem Milieu zu Wort. Zum Beispiel Laurent, ein 35-jähriger Cafébesitzer aus dem südfranzösischen Pertuis, der sagt: "Warum erlauben wir Renault, ein Werk in Marokko zu bauen? Trump hätte das nicht zugelassen! Le Pen auch nicht!"

Ein solches Dossier würde die Arbeiter beschreiben, die in der Dorfbar im provenzalischen Cabrières-d’Aigues zusammenkommen und beim Pastis darüber sprechen, dass auch sie Angst haben vor dem Front National – aber dass Marine Le Pen immer noch besser sei als alle anderen Kandidaten.

Vielleicht würde ein solches Dossier enden mit einer Szene aus der Suppenküche einer Gemeinde an der Côte d’Azur, wo Jahr für Jahr mehr Menschen sich ihr Essen holen – und Jahr für Jahr mehr Menschen den Front National wählen.

In einem solchen Text könnte man ganze Passagen wiederverwerten, die vor Monaten über das Amerika des Donald Trump geschrieben wurden. Was die Menschen im amerikanischen Rust-Belt erzählen, unterscheidet sich wenig von dem, was man in der französischen Provinz zu hören bekommt. Hier wie dort: Wut auf eine vermeintlich abgehobene, unfähige Elite. Abscheu vor den scheinbar unersättlichen Akteuren der Globalisierung, den Bankern und Konzernchefs, die sich auf Kosten ehrlicher Arbeiter bereichern. Hass auf angeblich vom Staat verwöhnte Einwanderer, die den Terror ins Land bringen.

Aber um all das wird es in diesem Dossier nicht gehen. Denn es sind zwar die Enttäuschten, Wütenden und Unterprivilegierten, die den Front National an die Spitze der Meinungsumfragen katapultiert haben – ihre Stimmen werden aller Voraussicht nach dafür sorgen, dass Marine Le Pen in die Stichwahl zwischen den beiden Erstplatzierten gelangt. Aber um dort die absolute Mehrheit zu erringen, genügen sie nicht. Der Kapitalismus mag ungerecht sein – so viele Verlierer produziert er dann doch nicht.

Um tatsächlich Präsidentin zu werden, braucht sie die Unterstützung von Teilen des Bürgertums. Sie braucht Stimmen von Menschen, die gute Jobs haben, die gebildet sind, die in Großstädten leben. Sie braucht Gewinner.

Frankreich - Front National bei jungen Franzosen sehr beliebt Mathieu Latrille de Lorencez wählt bei der Präsidentschaftswahl die Rechtspopulistin Le Pen. Ihre Partei Front National gewinnt unter pessimistischen, jungen Wählern immer mehr Zuspruch. © Foto: Robert Pratta/Reuters