Dieser Text ist Teil eines gemeinsamen Projekts der ZEIT mit der französischen Tageszeitung Le Monde. Dafür schildern 20 deutsche Intellektuelle und Schriftsteller, was ihnen vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich Sorgen bereitet. Steht mit dem drohenden Sieg von Marine Le Pen das Projekt Europa vor dem Aus? Zahlreiche der hier versammelten Beiträge, Interventionen, Erzählstücke und politischen Einordnungen erscheinen vor der Wahl auch in Le Monde und sollen versinnbildlichen, was auf dem Spiel steht: ein Dialog, der nicht von Ressentiment, sondern von einem fruchtbaren, teils auch kritischen Gedankenaustausch zwischen Deutschland und Frankreich geprägt ist.

Die weiteren Autoren sind: Thea Dorn, Peter Sloterdijk, Ulrich Wickert, Wolfgang Streeck, Alice Schwarzer, Michael Kumpfmüller, Armin Nassehi, Ulrich Peltzer, Hans Ulrich Gumbrecht, Nora Bossong, Michael Krüger, Barbara Vinken, Ingo Schulze, Anne Weber, Heinz Bude, Thomas Ostermeier, Sibylle Lewitscharoff, Frank Schätzing und Martin Walser.

DIE ZEIT: Herr Habermas, wie denken Sie über die unklare politische Situation in Frankreich?

Jürgen Habermas: Ich beobachte eine gewisse Larmoyanz unter französischen Kollegen. Solange man angesichts einer kritisch zugespitzten Lage nur lamentiert, bleibt man selbst deren Symptom. In dieser Hinsicht haben wir es als engagierte Nachbarn, die über den Rhein schauen, leichter. Andererseits fehlt mir der Kontakt zum täglichen Geschehen im Lande. Mit diesem Vorbehalt betrachte ich die politische Situation in Frankreich nicht nur als unklar; sie verrät auch Anzeichen für einen willkommenen Klärungsprozess.

ZEIT: Aber wie stark ist die Gefahr, die durch die Krise der Fünften Republik, das Zerbröseln der linken und konservativen Parteien sowie eine mögliche Präsidentschaft Marine Le Pens entsteht?

Habermas: Die parteilose Kandidatur von Emmanuel Macron bildet, wenn sie Erfolg hat, eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte der Französischen Republik. Mit dieser Initiative könnte eine verfestigte Konstellation zwischen den Lagern der politischen Linken und Rechten aufgebrochen werden. Das würde mich als Linken alarmieren, wenn damit ein überparteilicher Anspruch verbunden wäre: Wer sich über den Parteien wähnt, ist nicht unpolitisch, sondern gefährlich. Aber der aussichtsreiche Kandidat Macron wird wohl eher den Anstoß zu einer überfälligen Umgruppierung der Kräfte geben. Die kompromissunfähig gewordenen Traditionslager, die sich gegenseitig blockieren, sind offensichtlich nicht in der Lage, die politische Willensbildung der Bevölkerung anhand der eigentlich relevanten Fragestellungen zu polarisieren. Nur das könnte aus der Blase des inzwischen numerisch führenden Front National die Luft herauslassen. Die relevante Frage ist doch nicht das "Für" oder "Gegen" Brüssel, sondern nur das "Wie" einer Kooperation, die vorangetrieben werden muss. Ein "Weiter so" mit demokratisch entmündigten Völkern, die über ökonomische Anreize zur Ordnung gerufen werden, besiegelt den Zerfall. Hier nur zwei Schlagwörter: Wollen wir einen gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum im Interesse der Konzerne? Oder wollen wir nach Brexit und Trump ein global handlungsfähiges Kerneuropa, weil unsere Nationalstaaten zu schwach sind, als dass jeder von ihnen alleine unsre liberale Lebensform verteidigen und auf die politische Gestaltung eines wild gewordenen Finanzmarktkapitalismus Einfluss nehmen könnte?

ZEIT: Wie stark befeuert die französische Situation die gesamteuropäische Krise?

Habermas: Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Unfähigkeit der nationalen Regierungen, in Brüssel zu kooperieren, hat den rechten Populismus erst auf den Plan gerufen. Ein drastisches Beispiel ist die unter Regie der deutschen Bundesregierung durchgesetzte Krisenpolitik, die die immer noch weiterschwelende Finanzkrise nicht gelöst, aber das Auseinanderdriften der nationalen Ökonomien in Nord und Süd beschleunigt und Europa tief gespalten hat. In den abgeschotteten nationalen Öffentlichkeiten bündeln sich die gegenseitig geschürten Ressentiments in der fehlgeleiteten, ja völlig irren "Los von Brüssel"-Parole. Tatsächlich sitzt dort als Komplize niemand anderer am Verhandlungstisch als die jeweils eigene Regierung, die doch zu allen Politiken "Ja und Amen" gesagt hat.

ZEIT: Gibt es Hoffnungsschimmer aus der Kultur und der geistigen Tradition dieser großen Nation?

Habermas: Aus dem schwülen und zerflatternden Defätismus von Michel Houllebecqs Roman Unterwerfung kann man wohl kaum Trost schöpfen. Ebenso wenig aus dem makabren Schauspiel von Intellektuellen, die auf ihrer Wanderung von links nach rechts den Kompass verloren haben. Frankreich hat dem modernen Europa mit den Meistern der Aufklärung, den philosophes von Voltaire bis Rousseau, nicht nur großartige intellektuelle Gestalten beschert. Ihre Texte haben eine unabhängige und selbstkritische Denkungsart hervorgebracht, die damals auch Kant, unseren bedeutendsten und politisch unbeirrbarsten Philosophen, von Grund auf geprägt hat. Dieser leidenschaftliche, intransigente, für Moden unanfällige Geist hat sich gerade in Frankreich bis in meine Generation erhalten – und zwar, wenn ich an Pierre Bourdieu, Jacques Derrida oder Michel Foucault denke, gerade bei denen, die die Dialektik der Aufklärung durchdacht haben, ohne deren Geist zu verraten. Diese öffentlichen Stimmen fehlen heute. Aber ich bin sicher, dass die inspirierten Jüngeren dabei sind, ihre Chance zu ergreifen.

Michel Houellebecqs "Unterwerfung" - Eine tragische Satire gegen Europa in seiner jetzigen Verfassung In seinem Zukunftsroman "Unterwerfung" erzählt Michel Houellebecq von einem islamischen Frankreich im Jahr 2022. Ist dieses vieldiskutierte Buch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris eine Warnutopie?