Martin Schulz und Bodo Ramelow leben es vor: Auch ohne Abitur kann man sehr erfolgreich sein. Wie haben sie sich weitergebildet?

Manchmal ist Jubel ein Problem. Als Martin Schulz, der die elfte Klasse auch im zweiten Anlauf nicht schaffte und daher ohne Abitur von der Schule gehen musste, vor wenigen Wochen zum Kanzlerkandidaten der SPD gewählt wurde, war die Begeisterung darüber so groß, dass es für einen kurzen Moment schien, als sei es der klügste Karriereschachzug überhaupt, kein Abitur zu haben.

Ein Mann ohne Abitur! Als Bewerber für das höchste deutsche Amt! Das war für viele mehr als ein sozialdemokratisches Märchen, das klang wie der Vorbote eines Epochenwechsels in den Lebensläufen, wie ein Beweis der sozialen Durchlässigkeit in Deutschland.

In einer Gesellschaft, in der Abitur und Studium nicht bloß die Norm, sondern, wenn man ehrlich ist, die minimale Zugangsvoraussetzung für jede Form von Führungsposition darstellt, in der stets von life-long learning die Rede ist und jede Weiterbildungsveranstaltung mit einem Zertifikat endet – in dieser Gesellschaft schien das Beispiel Schulz wahnsinnig verlockend: Seht her, ruft es, man kann auch ohne Abi, Diplom und Doktortitel in die höchsten Positionen aufsteigen! Seht her, ruft es noch mal, so hermetisch abgeriegelt und elitär sind die Machtsphären der Republik gar nicht!

Es gibt dort eine ganze Reihe von Menschen, die es bis ganz nach oben geschafft haben: weil sie hart an sich gearbeitet haben, weil sie sich immer weitergebildet haben, weil sie nie stehen blieben: Die CSU-Politikerin Ilse Aigner etwa, heute stellvertretende Ministerpräsidentin in Bayern, hat eine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechnikerin gemacht. Von den deutschen Ministerpräsidenten haben drei kein reguläres Abitur: Michael Müller in Berlin, Horst Seehofer in Bayern und Bodo Ramelow in Thüringen. Im Bundestag sitzen: ein gelernter Metzger, ein ausgebildeter Kfz-Mechaniker, ein Lokomotivführer und ein Elektroniker.

Und in der Wirtschaft? Frank Strauß, Vorstand der Postbank, wurde nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann erst Assistent der Geschäftsleitung und stieg dann im Unternehmen auf. Der Lufthansa-Vorstand Karl Ulrich Garnadt absolvierte eine Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann, wechselte von dort ins Controlling und arbeitete sich im Management hoch. Und Jan-Dirk Auris, Vorstand bei Henkel, begann seine Karriere im Außendienst. Er drehte damals Extrarunden mit dem Moped, um im direkten Kundengespräch herauszufinden, wie ein gutes Produkt sein muss, und schaffte es mit diesem Ehrgeiz in die Konzernspitze.

Seht her, sagen all diese Beispiele: Es geht auch ohne Abschlüsse! Diese Ausnahmen belegen allerdings die Regel: Zwischen 1990 und 2013 stieg der Anteil der Bundestagsabgeordneten, die studiert haben, von 77,9 auf 90,5 Prozent, wie das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln ermittelt hat. Unter den Vorstandsmitgliedern der 100 größten deutschen Unternehmen haben mehr als 95 Prozent studiert.

Die Karriere ohne Abitur, sie gilt noch immer als Makel. Wenn man etwa die Pressestelle von Henkel kontaktiert, um mit Jan-Dirk Auris über seinen Lebenslauf, über Homogenität in deutschen Vorständen und über das, was es bedeutet, wenn man kein Abitur gemacht hat, zu sprechen, bekommt man eine freundliche, aber deutliche Absage: Man möge die Vergangenheit doch bitte ruhen lassen, lieber über Aktuelles oder – noch besser – die Zukunft berichten. Fast so, als sei ein solcher Aufstieg nicht eine riesige Leistung, sondern das nicht absolvierte Abitur ein kleines, schmutziges Verbrechen, das Gott sei Dank verjährt sei.

Einer, der dagegen ohne Zögern über seinen Lebenslauf im Zickzack spricht, ist Bodo Ramelow. Zwischen zwei Terminen ruft der Thüringer Ministerpräsident aus dem Auto zurück und erzählt sofort von seinem Scheitern, seiner Legasthenie, seinen beruflichen Umwegen. Davon, wie er nur mit Hauptschulabschluss abgehen musste, wie er über seine kaufmännische Ausbildung zur Gewerkschaft kam, auf dem zweiten Bildungsweg doch noch Abitur machte – nur um sein Studium sofort wieder abzubrechen, weil er sich an der Universität fremd fühlte. "Dieses wiederholte Scheitern", sagt Ramelow, "das ist eine Lebenserfahrung, die einen erst einmal prägt."

Bodo Ramelow verkörpert, wie auch der gelernte Buchhändler Martin Schulz, die verschlungenen Wege des Aufstiegs über Bildung jenseits des klassischen Trampelpfads. Wie Schulz im Buchladen oder Auris auf dem Moped hat sich Ramelow jenseits einer gymnasialen Oberstufe gebildet.

Seine Mutter, erzählt Ramelow, der seine Biografie als Bildungsaufsteiger pflegt wie eine Marke, war einmal Hauswirtschaftsleiterin eines privaten Internates. Ramelow wohnte also genau dort, wo die künftigen Eliten zur Schule gingen, ohne dazuzugehören. Seine Lektion? "Ich wusste, dass ich das auch kann. Ehrlich gesagt wusste ich schon damals, dass da Leute dabei waren, die so dumm waren, dass sie sich ihren Abschluss für viel Geld erwerben mussten."

Ramelow, muss man dazusagen, stammt selbst aus einer großbürgerlichen Familie, zu seinen Vorfahren gehören Kaufmänner, die Familie Fresenius und der Pfarrer, der einst Johann Wolfgang Goethe taufte. Dann rutschte die Familie, wie Ramelow erzählt, über die Weltkriege sozial ab, bis am Ende noch zwei Hektar Land übrig waren. Damit ist Ramelow auf lange Sicht nicht der klassische Bildungsaufsteiger, der allein mit Fleiß und Ehrgeiz der Unterschicht entkommen ist – aber eben jemand, der alle Facetten von Aufstieg und Elite studieren konnte.

Was aber lernt man, wenn man nicht die klassischen Häkchen am Lebenslauf machen kann? Zwei Dinge, sagt der Ministerpräsident: "Nicht dieser Fiktion nachzulaufen, Abitur machen zu müssen, studieren zu müssen, um einen Aufstieg zu erreichen, der einen absichert – auch das kann nämlich ein Trugbild sein, das einen letztlich verarmt." Vor allem aber, sagt Ramelow am Ende des Telefonats: "Man lernt auf so einem Wege auch Dinge, die man nicht lernt, wenn man diese Herausforderungen nicht hat. Mit Niederlagen umzugehen, zum Beispiel. Aus ihnen sogar Kraft zu schöpfen. Zu wissen, dass man sich berappeln und wieder auf die Füße kommen kann."

Es ist immer problematisch, wenn man nur diejenigen zu einem Problem befragt, die es gemeistert haben. Natürlich gibt in den deutschen Führungspositionen noch Menschen, die es auch ohne Abitur und Hochschulabschluss geschafft haben. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Würde Ramelow sich selbst als Mitarbeiter einstellen? Würde Martin Schulz es Hauptschülern ermöglichen, im Kanzleramt Karriere zu machen? Oder ist das in einer sich zunehmend spezialisierenden Arbeitswelt nicht ein schöner Selbstbetrug, der gesellschaftlich vielleicht erstrebenswert wäre – aber in der Realität kaum funktioniert?

Die Fälle Schulz, Auris, Aigner und Ramelow zeigen eben nicht, wie durchlässig die Gesellschaft ist. Sondern das genaue Gegenteil: An der Aufmerksamkeit für die sehr wenigen, die es auch ohne Abschluss nach oben geschafft haben, lässt sich ablesen, wie gering die Chancen tatsächlich sind – und ihre Aufstiegserzählung verschleiert, dass ihr Drang nach Bildung und Weiterbildung auch ohne Abitur oder akademische Abschlüsse ungebrochen war.

Aber so schart man sich begeistert um diese letzten Einhörner, um sich zu vergewissern, dass diese Gattung ja doch noch lebt. Eigentlich müsste man dieses alte Sprichwort neu erfinden: Stell dir vor, es geht – und kaum einer kriegt’s hin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio