Der Ausdruck Antiroman ist etwas aus der Mode gekommen, und Anthony Powell, dieser britischste aller britischen Schriftsteller, hätte das gewiss keine Sekunde bedauert. Ein Tory durch und durch, hielt er Konventionen in hohen Ehren. Tabubrüche und Thesenreiterei taxierte er in Romanen wie im Leben als vulgäres Aufmerksamkeitsgeheische. Seine Sätze waren elegant und wohlgeformt. Avantgardistische Vorstellungen wie jene, die Satzgrenzen niederzureißen, um im Bewusstseinsstrom das unmittelbare Leben zu gewinnen, waren ihm ein Gräuel. Oder, in seinen vornehmeren Worten, mit Bezug auf Joyce’ Monolog der Molly Bloom: I remain unconvinced. Statt Molly Bloom glaube er eher Joyce zu hören, wie er "sich ausgedrückt hätte, wäre er eine Frau gewesen".

Und doch ist dieser Liebhaber der Tradition zum Verfasser eines der verblüffendsten Antiromane der Literaturgeschichte, eines roman fleuve, geworden. Wer sich durch die acht Bände von Powells Ein Tanz zur Musik der Zeit liest, die der fabelhafte Elfenbein Verlag seit 2015 vorgelegt hat (vier weitere werden folgen), der macht eine Leseerfahrung, die vom durchschnittlich Gewohnten nicht weniger weit entfernt ist als ein Claude Simon von einem John Updike. Bei Simon fällt einem das wegen der über alle Ufer tretenden Sätze allerdings sofort auf, bei Powell kann es gern einige Hundert Seiten dauern, bis einem klar wird, in welch seltsames Romangelände man da geraten ist.

Auf den ersten Blick scheint alles ganz normal. Ein Schriftsteller, der Powell sehr ähnlich sieht, erzählt chronologisch aus seinem Leben zwischen 1914 und 1971. Schlackenlos klare Sprache, knappe, anschauliche Vorstellung der handelnden Personen, hellhörig hingetuschte Dialoge, ein alles frisch haltender ironischer Geist, man orientiert sich leicht in Powells Roman. Doch dann verschwinden die Personen, neue, mit den alten in einem unklaren und nicht weiter erörterten Zusammenhang stehende tauchen auf, um alsbald ihrerseits zu verschwinden. Es ereignet sich, was der auch als Kritiker exzellente Autor Evelyn Waugh unübertrefflich beschrieben hat: "Wir sehen die Charaktere durch das Glas eines Wassertanks; eins nach dem anderen schwimmen verschiedene Exemplare auf uns zu, wir sehen sie ganz klar, bis ein kaum wahrnehmbarer Schlag einer Flosse oder eines Schwanzes sie weg ins Dunkel rückt. So verlaufen unsere Begegnungen im Leben. Freunde oder Bekannte nähern und entfernen sich Jahr für Jahr."

Das Leben hat keinen Plot. Man darf annehmen, dass die serienmäßige Standardausstattung eines Romans mit Plots und dergleichen etwas war, was Powells Gefühl für Schicklichkeit widersprach (jedenfalls wenn er Romane schrieb, in seinen Kritiken hat er ein weites Herz). Und ist nicht in der Tat eine durchgehende, nach und nach einen tieferen Sinn enthüllende Handlung etwas Albernes und schrecklich Künstliches, wie es sich nur Leute ausdenken können, die mit dem Licht ihres Geistes weiter leuchten wollen, als man sehen kann? Sind nicht Ich-Erzähler, die fortwährend öffentlich in ihrem und fremder Leute Seelenleben wühlen, eine Pein, die man weder an seinem Esstisch noch in seinem Lesesessel haben möchte? Lag es da, wenn man im Spiegel eines Romans sein eigenes Leben erzählen wollte, nicht nahe, auf beides, Plot und Ich-Erzähler mit ego gonflé, einem aufgeblasenen Ich, zu verzichten?

Jedenfalls hat Anthony Powell seine ziemlich autobiografisch inspirierte Roman-Serie nicht als zielstrebige, wahrheitsoffenbarende Handlung angelegt, sondern als lose Abfolge von immer wieder anders sich arrangierenden Freundes-Ensembles, denen ein Ich-Erzähler im Lauf seines Lebens begegnet. Als Ich-Erzähler dieser Verwicklungen hat er den Schriftsteller Nick Jenkins erfunden, der Ähnliches erlebt wie sein Autor und wie dieser in allem ihn selbst Betreffenden ein hochverschwiegener non-definition man ist, ein Herr Unbestimmt – Powell taucht, nach einem schönen Wort seines Biografen, selbst in seinen Memoiren und Tagebüchern nur als "Gespenst seiner selbst" auf.

Natürlich ist dieser wundersame Nicholas Jenkins, geboren 1906 oder 1907 (Powell lebte von 1905 bis 2000), der Geheimschlüssel zu dieser so speziellen Romanwelt. Er sagt wirklich sehr wenig und über sich selbst fast nichts – seine Heirat und die Geburt zweier namenloser Söhne fallen in die Lücke zwischen zwei Kapiteln. Aber er kann beobachten – und wie! Was er sieht, von Eaton und Oxford über die Partys der Upperclass-Boheme in den Roaring Twenties, die Militärquartiere des Zweiten Weltkriegs, die Kulturszene der Nachkriegszeit bis hin zu den Verwerfungen von 68, ist ein fabelhaftes Panorama der Geschichte Englands im 20. Jahrhundert. Aber es wäre natürlich etwas endlos Verquastes geworden, wenn Nick nicht auch die Sprache und den Geist hätte, seine Beobachtungen zu destillieren und sie in eine (fast immer) frische, knappe und perlende Serie von akuten Porträts, fabelhaften und sehr britischen Dialogen und aphoristisch knappen Reflexionen zu verwandeln. Alles ist hier cool, nichts kalt.