Bürgerkriege haben den Irak, Syrien, Libyen und den Jemen in gescheiterte Staaten verwandelt. Als Territorialstaaten zerbrochen und im Kreislauf der Gewalt zwischen unversöhnlichen Feinden gefangen, nehmen in diesen vier Ländern Zerstörung und humanitäres Elend kein Ende. Allein der seit 2011 tobende Krieg in Syrien forderte 430.000 Tote und machte zehn Millionen Syrer, also knapp die Hälfte der Bevölkerung, zu Flüchtlingen. Und im Nachbarland Irak sieht es kaum besser aus. Der 2006 bis 2008 tobende Bürgerkrieg zwischen Milizen der Schiiten und Sunniten tötete 140.000 Menschen. Und bis 2016 starben weitere 40.000 Iraker, nachdem sich, als die US-Truppen 2011 verfrüht abzogen, erneut ein Machtvakuum auftat. Gefüllt wurde es vom IS, der Ende Juni 2014 im Irak den Konfessionshader zwischen Sunniten und Schiiten nutzte, um sein auf eigener Territorialbasis fußendes Kalifat öffentlich auszurufen. Damit hatte er erstmals sein Staat gewordenes dschihadistisches Gegenmodell in Nahost etabliert, ein Modell, das die Existenzberechtigung aller nahöstlichen Nationalstaaten, vor allem aber der von Europas Mandatsmächten ab 1918 geschaffenen künstlichen Nationalstaaten der Levante negiert.

Wie kritisch die Lage ist, beweist der im November von den UN herausgegebene Arab Development Report. Er belegt, dass die meisten arabischen Regierungen fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling, der im Westen mit unrealistischen Hoffnungen überfrachtet war, nichts aus den Rebellionen gelernt haben, die immerhin vier Autokraten in Libyen, dem Jemen, Tunesien und Ägypten hinwegfegten. Und sehr wenig taten sie, um die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen dieser Volkserhebungen zu beseitigen. Die Zahlen sind niederschmetternd: Waren es 2002 noch fünf arabische Staaten, auf deren Territorien Gewaltkonflikte tobten, waren es 2016 bereits elf, und die Zahl dürfte bis 2020, so die düstere Prognose des UN-Berichts, auf fünfzehn ansteigen. Obwohl die arabische Welt nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellt, so entfielen 2014 doch auf sie 45 Prozent aller Terroranschläge auf der gesamten Welt, 68 Prozent aller durch Kriegshandlungen Umgekommenen, 47 Prozent aller Binnenflüchtlinge und 58 Prozent aller zur Flucht ins Ausland getriebenen Flüchtlinge.

Wie in Zeitlupe scheint – vorerst noch mit Ausnahme der meisten Golfstaaten – die gesamte Region auf eine gesellschaftliche und staatliche Implosion zuzutreiben: Fast alle Länder zwischen Bahrain und Marokko verharren in verschiedenen Stadien eines politischen Verfalls und eines rapiden Niedergangs der Wirtschaft. Mehr und mehr Araber kämpfen in ihrem Lebensalltag mit einer Wirtschaftskrise, die sie jeder Hoffnung beraubt. Und eine durchgreifende Trendumkehr ist nicht in Sicht. Ein Grund dafür ist auch die überall in der Region erkennbare Bevölkerungsexplosion. So hat sich in Staaten wie dem Irak, dem Jemen und Jordanien die Bevölkerung in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, eine Tendenz, die anhält. Zugleich werden zu wenige Arbeitsplätze geschaffen. Kaum bemerkt vom Westen, brodelt in den Köpfen von Abermillionen arabischer Jugendlicher ein Höllengebräu aus Desillusionierung, Unzufriedenheit und Hass gegen die privilegierten Eliten. Gewalt und Rebellion liegen vielerorts in der Luft. Gleichzeitig tragen die äußerst egoistischen Eliten die Hauptverantwortung für die weitverbreitete Korruption und Misswirtschaft, von der sie selbst wiederum am meisten profitieren. Ernsthafte wirtschaftliche Reformen und Versuche zu einer echten demokratischen Öffnung unternehmen sie nicht – aus Furcht, ihr Machtmonopol zu untergraben. Stattdessen setzen sie fast überall auf Repression, eine Repression, die sich gleichermaßen gegen demokratische Dissidenten und oppositionelle Fundamentalisten richtet und letztlich den Dschihadisten des IS am meisten nützt. Sie füllen das vom Staat geschaffene politische und geistig-religiöse Vakuum, das ihnen mehr und mehr radikalisierte Anhänger in die Arme treibt.

Und wie stehen der Westen und Deutschland zur Implosion in Nahost? Sie sind den Herausforderungen nicht gewachsen, zumal die politischen und Medieneliten des Westens bis in die jüngste Zeit der ideologischen Illusion von der unaufhaltsamen Verbreitung der Demokratie anhingen oder schlichtweg die Realitäten verkannten. So verkannten sie, wie fragil diese von Europa geschaffenen ethnisch und konfessionell heterogenen Nationalstaaten waren. Sie blieben künstliche Gebilde, regiert von Gewaltherrschern und bewohnt von oftmals historisch verfeindeten Volksgruppen, die nie eine gemeinsame, von großen Mehrheiten getragene nationale Identität herausbildeten. Wenn der Zerfall des Iraks (2003), Libyens (2011) und des Jemens (2012) eines beweist, dann das: Ist die eiserne Hand des Diktators, die lange widerstreitende Stämme, Ethnien und Konfessionen mit Zwang vereinte, einmal zerbrochen, zerplatzt wie eine Seifenblase auch das staatlich verordnete Hirngespinst der nationalen Identität. Wo nationale Identität fehlt, fehlt auch jede nationale Solidarität. Es bricht gewaltsam auseinander, was nie zusammengehörte.

Der Irak und Libyen, ebenso wie die gescheiterten Erhebungen des Arabischen Frühlings zeigen, wie sehr die naive Hoffnung des Westens auf Sand gebaut ist. Der Glaube, man könne die Staaten der arabischen Welt in absehbarer Zeit politisch und kulturell dem demokratischen Westen angleichen, sie durch wirtschaftliche Kooperation und politische und militärische Unterstützung stabilisieren und überdies irgendwie und irgendwann auf den Pfad demokratischer Reformen lenken, ist und bleibt eine Schimäre. Gescheitert sind die westlichen Militärinterventionen, etwa im Irak oder in Libyen, die Diktatoren stürzten, bestehende Übel aber nur verschlimmerten. Gescheitert sind (vorerst noch mit Ausnahme Tunesiens) bisher aber ebenfalls alle Kräfte der arabischen Zivilgesellschaft, die auf demokratischen Wandel setzten und von der Internet-Datenglobalisierung profitierten. So konnten die wenigen Internet-Hipster zwar die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen des Westens gewinnen, indem sie anfänglich Proteste gegen Autokratien artikulierten und organisierten. Doch konnten sie mangels Rückhalt im Volk weder Inhalte noch Richtung der Protestbewegungen dauerhaft bestimmen. Das vermochten letztlich nur die schon lange im Volk verwurzelten Fundamentalisten, denen die Demokratieaktivisten nur als Steigbügelhalter zur Regierungsmacht dienten.

Auch drei Monate nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump lassen sich in der Nahost-Politik der neuen US-Administration noch keine festen strategischen Konturen ausmachen. Daran änderte auch der US-Raketenschlag auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt von Al-Schairat nichts, den Trump als Reaktion auf einen Giftgasangriff syrischer Kampfbomber auf eine Rebellenhochburg befahl. Er komplizierte die angestrebte Verbesserung der Beziehungen zu Russland, dem Hauptverbündeten des syrischen Diktators Assad, beendete sie aber nicht. Wie könnte es nun weitergehen? Hier ist ein denkbares Szenario, wie ausgewählte Teile der Region im Jahre 2027 aussähen.

Die USA hatten unter Präsident Trump den von Obama eingeleiteten politisch-militärischen Rückzug aus Nahost fortgesetzt. Damit war die Ära der US-Hegemonie und der Pax Americana in Nahost endgültig Geschichte geworden. Amerika konzentrierte die verbliebenen militärischen Kapazitäten und politischen Einflusspotenziale ganz auf die Vernichtung des IS und den Schutz der engsten Verbündeten, Israel, Jordanien, Ägypten und die Golfstaaten. Nach einer Wiederannäherung an Russland schloss Trump mit Putin einen Syrien-Deal, der beinhaltete, den Machterhalt Assads als kleineres Übel zu akzeptieren. Zu groß war Trumps Furcht, der Sturz der syrischen Diktatur könnte den letzten großen nationalstaatlichen Stabilitätspfeiler in der Levante umwerfen und damit Salafisten und Dschihadisten den Weg zur Macht in Damaskus, Beirut und Amman ebnen. Im Übrigen fügte sich der Deal mit Putin in die realpolitische Nahostpolitik Trumps ein, der das Instrumentarium gewaltsamer Regimewechsel als untauglich, weil zu kostspielig und zu wenig erfolgversprechend, verwarf.