Im Winter 2013 ging ich mit geschwollenen Fingern zum Arzt. "Sie haben Lupus", sagte er mir. Lupus ist eine Autoimmunkrankheit, bekannt, wenn überhaupt, durch Dr. House und den Running Gag: "Es ist nie Lupus." Das Zitat kommt daher, dass Lupus so selten ist.

Der Körper greife bei dieser Krankheit sein Bindegewebe an, erklärte mir der Arzt. Als Erstes sei die Haut dran. Ich würde dann aussehen wie zerfleischt. Danach versagten die Nieren; Herz und Lunge folgten. Losgehen könne es jederzeit.

Ich sah auf meine Finger, schluckte. Wollte das alles begreifen, aber fühlte mich wie eine Motte, die versucht, durch Panzerglas zu fliegen. "Lupus ist lateinisch für Wolf", dachte ich nur. Und: "Toll, endlich habe ich einen Hund." Dann kaufte ich im Supermarkt Gin und Tonic und betrank mich bei Freunden, denn ab dem nächsten Tag war Alkohol verboten, genau wie Sonnenlicht.

Ich war Anfang 20 und so verdrängungsfreudig, dass ich es nicht einmal hinbekam, mir einen Experten zu suchen. Aber Freunde fanden eine Spezialklinik, und der erste Arzt dort war pragmatisch: Ich sollte täglich Quensyl schlucken – eigentlich ein Malaria-Medikament. Solange ich beschwerdefrei war, sollte ich nur alle drei Monate vorbeikommen. Und einmal pro Halbjahr zum Augenarzt gehen, weil Quensyl eine Verengung des Blickfelds auslösen kann. Und sollte der Lupus zuschlagen, stünden in der Klinik alle Ärzte bereit.

So vergingen die Monate. Zwei weitere Autoimmunkrankheiten wurden festgestellt, die mit Lupus zusammenhingen, und die Ärzte wurden mehr. Trotzdem hatte ich nach wie vor keine Beschwerden und genoss jeden Tag. Die Aussichten waren düster, aber hey: Können wir nicht alle jederzeit sterben? Mein Wolf gehörte nun zu mir, doch solange er schlief, war er nicht wichtig. Ich vermisste Sonnenlicht, aber ich lebte.

Bis zum Frühjahr 2015: Ich saß vor Arzt Nummer fünf in der Klinik. Er war Mitte 30, trug eine Brille und hatte riesige, furchige Hände. Sport, studieren, arbeiten, musizieren, kurz: mein Leben – das sei für Lupus-Patienten nicht vorstellbar, sagte er. Ich hätte ja im Übrigen auch immer noch keine Beschwerden. Er habe sich die Laborergebnisse von 2013 daher noch mal angeschaut: Sie seien falsch interpretiert worden. Meine Haut reagiere empfindlich auf Kälte, unter dem Mikroskop sähen solche Schwellungen aus wie Lupus. "Aber Sie sind kerngesund", sagte er, "ziehen Sie im Winter nur Handschuhe an."

Ich habe ihn angestarrt. Dann musste ich laut lachen. Der Arzt auch. Cheers, Dr. House.

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