Staus, Verkehrsrüpel, Parkplatzsuche, Knöllchen – leicht drängt sich dem genervten Kraftfahrer der Eindruck auf: Noch nie war Autofahren so anstrengend wie heute. Mal ganz abgesehen von der Unfallgefahr im von Menschenhand gesteuerten Verkehr. Wäre es da nicht ein Segen, sich vom Auto bequem chauffieren zu lassen? Den Stress am Steuer ganz an die Technik abzugeben?

Wie solche Verheißungen beim menschlichen Fahrer ankommen, das haben Automobilkonzerne, Ministerien, Stiftungen, Meinungsforschungsinstitute, Unternehmensberatungen, Finanzdienstleister, Versicherungskonzerne in den vergangenen drei Jahren in Dutzenden repräsentativen Befragungen ergründet. Hinzu kamen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Drei Mobilitätsforscher der Technischen Universität im niederländischen Delft haben ganze 163 Studien zu möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen eines Verkehrs mit autonomen Autos, sogenannten Auto-Autos, gefunden und ausgewertet. Sie zeichnen ein Stimmungsbild zu einer viel beschworenen Zukunftstechnik.

Zwei klare Botschaften bergen ihre Daten. Die erste: Die Bereitschaft, sich einem computergesteuerten Fahrzeug anzuvertrauen, steigt. Konnte sich das vor fünf Jahren nur jeder Fünfte vorstellen, äußert heute bereits mehr als jeder Dritte entsprechende Zustimmung für Auto-Autos. Und das, obwohl es sie ja noch gar nicht gibt – und obwohl existierende Assistenzsysteme in den vergangenen Monaten mit einigen spektakulären Unfällen vor allem für Negativschlagzeilen gesorgt haben. Dass es komplett selbstfahrende Autos geben wird, damit rechnet trotzdem eine Zweidrittelmehrheit. In 18 Jahren ist es so weit, so die durchschnittliche Erwartung der deutschen Befragten. Dabei erwarten Männer, Jüngere und Ostdeutsche den Durchbruch etwas früher. In anderen Ländern ist man noch deutlich optimistischer, an der Spitze liegt China.

Die zweite Botschaft: Die Fahrt in einem Auto-Auto stellen sich die Mitfahrer in spe ganz anders vor, als die Strategen in den Auto- und IT-Konzernen es planen. Weder Arbeit noch Online-Shopping, kein Video-Streaming und auch keine Nutzung anderer kostenpflichtiger Dienste tauchen oben auf der Wunschliste auf. Dabei gehört doch digital vernetzter Konsum als unendlicher Quell persönlicher Daten zentral zu den Geschäftsmodellen in künftigen Roboterauto-Szenarien. Auto-Autos werden als eine Mischung aus Homeoffice und rollendem Webshop gedacht, inklusive personalisierter Werbung. Doch in den meisten Umfragen gibt eine große Mehrheit an, die gewonnene Zeit am liebsten unproduktiv verwenden zu wollen: die vorbeiziehende Landschaft betrachten, tagträumen, Nickerchen halten oder mit anderen Passagieren klönen.

Wie aussagekräftig sind solche Umfrageergebnisse zu einer Technik, die noch gar nicht existiert? "Es ist wie die Frage, ob ich gerne in Singapur wohnen würde", sagt Mathias Mitteregger: "Ich kann sie nicht beantworten, ich war ja noch nie dort." Der Wiener Architekt leitet ein Forschungsprojekt der Daimler und Benz Stiftung zur Frage, wie Auto-Autos europäische Städte verändern werden. Statt hypothetischer Umfragen empfiehlt er einen Blick in den realen Verkehr.

Zum Beispiel in deutsche Fernzüge. In diesen reisen täglich 350.000 Fahrgäste, die nicht zwischen Gaspedal, Bremse und Rückspiegel gefangen sind. Die Bahn hat sie repräsentativ zu ihrer Lieblingstätigkeit während der Fahrt befragt. Und auch dabei landete "Entspannung" ganz oben auf der Liste, gefolgt von Lesen, erst danach kam das Daddeln am Smartphone oder am Tablet. Womöglich ist diese Entspannungspräferenz aber mehr Wunsch als Wirklichkeit. "Wenn man sich im Zug umsieht, dann sind die Smombies in der Mehrheit", meint Mitteregger. Smombies, das fantasieanregende Kunstwort, setzt sich aus Smartphone und Zombies zusammen.

Eine Studie, die diesen persönlichen Eindruck wiederum belegen würde, kennt Mitteregger allerdings ebenso wenig wie Carsten Große Starmann, der jüngst eine Befragung zur Auto-Auto-Nutzung für die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben hatte. Doch Große Starmann teilt den Eindruck, dass digitale Zeitvertreiber stärker genutzt werden, als es sich die Menschen selber eingestehen. Es ist eine subjektive Einschätzung: "Mein Sohn ist vom Zug zum Fernbus gewechselt. Der braucht zwar länger, aber das WLAN funktioniert."

Womöglich sei die starke Betonung des Nichtstuns eine Folge des Mangels an positiven Bildern eines durch und durch digitalisierten Verkehrs, meint Große Starmann. Tatsächlich verbinden die Menschen mit Auto-Autos bislang vor allem Ängste, auch das zeigen die Umfragen. Unfälle durch technische Pannen, Kontrollverlust über das eigene Auto und Hackerangriffe werden am häufigsten genannt. Jeder Dritte meint sogar, er würde auch in einem selbstfahrenden Auto den Straßenverkehr weiter aufmerksam verfolgen. Einen Gewinn sehen die meisten befragten Autofahrer denn auch weniger für sich selber als vielmehr für andere: Menschen mit Behinderung, ohne Führerschein und Ältere.

Das größte Potenzial für die autonome Technik zeichnen viele Studien zunächst für den öffentlichen Nahverkehr: Autonome Minibusse oder Taxis könnten die Lücke zwischen Bahnhof und Zielort schließen. Das könnte indes zu einer deutlichen Zunahme des innerstädtischen Verkehrs führen, der dann für menschliche Fahrer noch stressiger würde. Abschaffen wollen die Deutschen ihre Privatautos trotzdem nicht. Zwei Drittel würden den eigenen Pkw sogar dann behalten, wenn ein selbstfahrendes Carsharing-Auto sie jederzeit vor der Tür abholen könnte.