Ich wache auf und betrachte Gerhardt Hassan Iljanowitsch. Eigentlich inspiziere ich meinen Einleb-Zierspargel eher, als dass ich ihn betrachte. Mit einer Lieblosigkeit, die wir beide nicht voneinander kennen. Einer seiner Triebe hängt schlapp zur Seite herab, der dazugehörige Stamm hat sich unten schwarz gefärbt. Vielleicht ist er krank? Und wenn schon! Ja, wenn schon, Gerhardt Hassan Iljanowitsch! Du willst immer nur gegossen werden, immer soll man auf deine Kultur, deine Bedürfnisse, deine Sorgen eingehen! Und du? Öffnest du dich denn? Hörst du fair zu?

Unter der Dusche schüttelt es mich vor Wut, Angst und Ohnmacht. Die Jagd auf Flüchtlinge, die ich am Holzmarkt gesehen habe, geht mir nicht aus dem Kopf. Und vermischt sich ekelhaft organisch mit Flucht-Flashbacks aus meiner Jugend in Leipzig, wo Neonazis mich durch den Plattenblock jagten. Deswegen bin ich froh, wegen Terminen für einige Tage verreisen zu müssen.

Schon im Zug nach Berlin frage ich mich aber, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, nach Bautzen zurückzukehren. Was soll jetzt noch die Suche nach dem normalen Leben in Bautzen? Dem unschuldigen Bautzener? Wozu Arbeit dort suchen, in der Dreckszoohandlung anheuern oder irgendwelchen Ronnys ihr Bier rankellnern? Damit ich mir verständnisvoll ihr Mimimi über die Globalisierung anhören kann? Ist die Globalisierung etwa schuld, dass ihr nicht wisst, was ihr mit eurem Leben anstellen sollt, und stattdessen andere gefährdet?

Und von der Polizei geschützt fühle ich mich in Bautzen jetzt auch nicht mehr. Erst im Laufe des Tages räumt sie ein, dass es Angriffe auf Flüchtlinge gegeben hat. Dass Steine flogen. Und dass sie einen Mann mit Schreckschusspistole und Crystal Meth im Blut sowie weitere vier Verdächtige aus dem rechten Milieu festgenommen hat. Aber eine Jagd? Die habe es nicht gegeben. Dabei haben die Beamten die Jagd doch selbst unterbunden. Und Moha, meinen libyschen Bekannten, mucksmäuschenstill im Parkbusch eingesammelt und evakuiert!

Durch die plötzlich Geborgenheit spendende Friedrichstraße Berlins laufend, rufe ich abends meinen Bautzener Mitbewohner Knut an. Mit einem mulmigen Gefühl. Was, wenn mir letzte Nacht jemand gefolgt ist und nun Vermummte vor der Tür stehen? Außerdem sind die Vorfälle nun groß in den Medien. Wozu ich beigetragen habe und was mich doch beunruhigt. "Hier ist alles okay. Ich denke, wir sind jetzt an dem Punkt, wo niemand mehr Augen und Ohren verschließen kann." In Knuts Stimme liegen Dankbarkeit und Vorwurf. Ich hole Luft und will sagen, du, das war’s für mich. Als er zu erzählen beginnt, dass WG-Hund Ernest traurig vor meinem Zimmer liegt und auf unseren Spielschuh starrt. Dass man Gerhardt Hassan Iljanowitsch in die Küche zu den anderen Pflanzen geholt hat, damit er nicht vereinsamt. Alle grüßen mich. Traurig will ich ein Abschiedsessen mit der WG initiieren. Doch dann erwähnt Knut, dass ich genau jetzt beginnen würde, das Lebensgefühl eines friedlichen Bautzeners zu verinnerlichen. Die Angst, die Wut, die Ohnmacht.

Unterwegs habe ich das Bedürfnis, von Bautzen zu erzählen. Leute fragen mich erstaunt, was und wo Bautzen überhaupt ist. Das Wo ist leicht zu beantworten, über das Was bin ich mir viel unschlüssiger als vor zwei Wochen. Bautzen ist eine kleine, etwas aufgeheizte, aber größtenteils friedfertige ostdeutsche Kleinstadt. Bullshit. Zweiter Versuch: Bautzen ist wie ein dystopisches Theaterstück. Mit einer symbolhaften Kulisse: dem Kampf-Kornmarkt. Die, die nicht wissen, wohin mit sich, kämpfen dort gegen die, die nicht mehr fliehen wollen. Und die schweigende Masse strömt drei Tage nach der unaussprechlichen Jagd ins Kornmarkt-Center, zum Nachtshopping "Romantica" (30.000 waren da. Zur Antifa-Demo kamen 50 Teilnehmer). Während wenige Meter weiter die aus aller Welt Verjagten terrorisiert werden. Bis einige von ihnen dem "Islamischen Staat" irgendwann glauben, dass man sie hier prinzipiell hasst. Und explodieren. Ja, wahrscheinlich gibt es keine sicherere Methode, deutsche Dschihadisten zu züchten, als Flüchtlinge der Nazigewalt in ostdeutschen Provinzen zu überlassen.

Das ist nur ein düsteres Hirngespinst, denke ich, als ich nach fünf Tagen Abwesenheit wieder zurückkehre. Meine Mitbewohnerin Katja hat Liebeskummer, mein Mitbewohner Patrick sein berufsvorbereitendes Jahr begonnen. Und in der Werkstatt ein Batman-Zeichen geschnitzt, weil er Rohrwinkelung schon beherrscht und gelangweilt war. Katja und Patrick würden mir für das Dystopieszenario den Vogel zeigen. Sie führen ein ruhiges Leben in Bautzen. Aber ihr Leben führt auch nie zu den Flüchtlingsheimen. Auch nicht nachts zum Kornmarkt.

Ich streife wieder ein wenig um das Kornmarkt-Center. Um mich zu akklimatisieren und mich zu vergewissern, dass alles nicht so schlimm ist in Bautzen. Bei Tageslicht sehen die Nazis dort aus wie pubertierende Halbstarke. In zu großen Landser-Kutten und einheitlichen New-Balance-Sneakers. Und auch viele der Flüchtlinge, die apathisch durch das Zentrum schleichen oder davor Kickboxen üben, sind Kindsköpfe. Pubertäre Dorf-Intimfeindschaften? Und wir Medientrottel beschreien deshalb aus der Ferne Deutschlands große Rechtsextremismus-Krise? Nein, dafür waren die Nazis viel zu gut organisiert beim Jagen.

Was ist definitiv an dieser Stadt? Ganz definitiv ist mein Misstrauen gegenüber der schweigenden Masse, die sich keine Definition zutraut, außer: "Ist eigentlich ganz anders." Wobei auch dieses Misstrauen gar nicht so leicht praktizierbar ist. Die pummelige Frau am Nordsee-Stand, die verträumt mit den Fingern auf der Fischtheke trommelt: Ist sie die schweigende Masse? Das Ehepärchen aus Vietnam mit dem Obstladen? Der Mann auf dem 2-Euro-Massagesessel neben mir im Kornmarkt-Center, mit dem Bart und dem schwarzen Käppi? Eigentlich sollte zwischen uns die Solidarität zweier Männer herrschen, die in Einkaufszentrums-Massagesesseln sitzen. Aber auch er könnte die schweigende Masse sein, die nicht sagen will, was ist. Die verharmlost. Die heimlich gutheißt. Oder leidet er an derselben Angst, Wut und Ohnmacht wie ich? Wie vielleicht fast 40.000 Bautzener?

Nun, da ich wieder zurück bin, möchte ich mit dem ehemaligen Ewigkeitsbürgermeister sprechen. Vielleicht klopfe ich mal mit einem Kuchen und ein paar Fragen bei ihm an. Er wohnt ja nur zwei Häuser weiter.

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