Eine Welle der Empörung rollt durch das amerikanische Internet, von Breitbart bis zur Nachrichtenseite The Daily Beast. Was ist geschehen? Ein Kinderbuch geht um! Communism for Kids heißt der Stein des Anstoßes auf Englisch, geschrieben von der Berliner Autorin Bini Adamczak, gerade erschienen bei MIT Press. Bereits seit 2004 spukt das Buch in deutschen Landen als Kommunismus-Gespenst herum.

Es erzählt eine kleine Geschichte darüber, wie alles anders wird: ein süßes Buch, illustriert mit putzigen Revolutionären, die "für Einsteiger" die Grundprinzipien des Kommunismus erklären, erzählt als Märchengeschichte voller Drachen (Kapital!) und Schwerter (Arbeit!). Das Büchlein verbindet die zwei großen intellektuellen Exportschlager der Deutschen: den deutschen Idealismus und das pädagogische Ethos. Schließlich ist Deutschland – auch wenn die Geburtenrate die Anerkennung dieser Tatsache verweigert – das Land der Kinder. Amerikanische Kids besuchen the kindergarten, italienische bambini werden mit Schokolade gemästet, die den deutschen Namen "Kinderschokolade" trägt, und in den verwinkelten Gassen japanischer Millionenstädte erscheint die deutsche Sprache vor allem in den Namen von Kinderkleiderboutiquen oder Kinderbuchläden.

Normalerweise verbreiten deutsche Kinderbücher wie die in den USA zu Bestsellern gewordenen Romane Tintenherz und Die unendliche Geschichte die Werte, auf die sich alle einigen können. Habt Fantasie! So lautet ihre innovative Message. Fantasie finden alle gut. Neue Welten, Abenteuer, Könige, Piraten, Raumschiffe! Toll.

Was aber, wenn jemand die praktische Umsetzung dieser Fantasie fordert? Das geht zu weit! Eine andere Welt? Nur im Kopf bitte. "Verbieten und verbrennen" sollte man das Buch von Bini Adamczak, fordert eine Twitter-Nutzerin. Warum das Buch nicht gratis verteilt werde, wie Maos kleines rotes Buch, fragt die rechtsextreme Propagandaseite Breitbart hämisch. Auf Amazon malen sich besorgte Eltern aus, wie ihre Lieblinge im Kindergarten einen Gulag einrichten. Selbst das liberale Online-Portal The Daily Beast war sich nicht zu schade, daran zu erinnern, dass auch Hitler versucht habe, Kinder zu beeinflussen, und liefert gleich eine Aufzählung der "Gräuel des Kommunismus" mit. Die Autorin Bini Adamczak lebt auch noch in Berlin – "wo sonst?", schnödet The Daily Beast.

Dass Adamczak mit ihrem Buch eine "andere Art Kommunismus" vorschlagen wollte, "frei von Autoritarismus", geht da unter. Dabei wird Communism for Kids, ideologisch eingehegt, vor allem in Museumsshops verkauft, und der Gulag wird wohl kaum in den Grundschulgebäuden der Primary Schools errichtet. Zum Glück schreibt Bini Adamczak auch für Erwachsene: Im Oktober (ausgerechnet) erscheint ihr neues Buch über die Revolutionen von 1917 und 1968 bei Suhrkamp.