Der 2015 verstorbene Philosoph Odo Marquard nannte sich stolz und nur ein wenig ironisch einen "Modernitätstraditionalisten". Die Bezeichnung blockiert die Möglichkeit, Tradition gegen die Moderne auszuspielen, weil diese selbst schon eine Tradition gebildet hat. Was aber alles zur Tradition der Moderne gehört, erlaubt nicht nur Stolz. Eine der Schrecklichkeiten, die Moderne charakterisieren, hat sein Kollege Hans Blumenberg anhand der Schriften eines Wissenschaftlers aus dem 18. Jahrhundert thematisiert: das Umschlagen der theoretischen Neugierde in grenzenlose Neugier.

Maupertuis, der Wissenschaftler aus der Zeit der Aufklärung, forderte den Tierversuch ebenso wie das Experiment am lebendigen Menschen, und nicht nur das: Um den Prozessen der Natur nachzuspüren, möge die Wissenschaft aus eigenem Antrieb Geschöpfe erschaffen – durch "unnatürliche Paarung", zum Beispiel des Stiers mit der Eselin. Blumenberg bemerkt in seinem großen Werk Die Legitimität der Neuzeit das daran Wesentliche, nämlich: "Diese Neugierde vermag kein Kriterium ihrer Begrenzung aus sich selbst zu gewinnen."

Das Verhältnis von Aufklärung und Moderne hat jetzt Dan Diner in einem inhaltsreichen Reclam-Bändchen zusammengefasst. "Der Moderne", schreibt Diner, "ist kein guter Leumund beschieden." Und die Aufklärung? Sie kam nicht mehr vor, "ohne dass ihre dunkle Seite in den Blick genommen wurde". Das Ausdehnen der Geltungsansprüche und das Überschreiten der Grenzen, nicht zuletzt auf wirtschaftlichem Gebiet, habe dem Westen schon früh signifikante Gegner eingebracht: "Das Osmanische Reich verschloss sich dem neuen System des auf Habsucht und Profit beruhenden Wirtschaftens." Ein Grund dafür war, dass es im Westen – wegen der Vielfalt der Mächte – keine übergeordnete Kontrolle gab. Im Islam dagegen stand die Gier nach Bereicherung "unter religiöser Kuratel (...) Eine letztlich sakral begründete Triebkontrolle setzte dem Bereicherungsdrang daher enge Grenzen."

Diners Schrift verfolgt diese eine These: Die oft lebensgefährlichen Reibungen, die aus dem Gegensatz von Aufklärung und Religion herrühren, sollten uns dazu bewegen, der "schottischen Aufklärung" den Vorzug zu geben. Sie, in deren Mittelpunkt Adam Smith steht, lässt die Religionen leben, beruht sie doch "auf der Verknüpfung eines die egoistischen Neigungen des Individuums befördernden Utilitarismus mit einer religiös fundierten Morallehre", die den modernen "technologischen Enthusiasmus" zulässt. Das klingt wie die Weltformel für das globale Miteinander. So eine Formel ist heute von der Hoffnung getragen, dass eine Aufklärung, die sich selbst auf Religion bezieht, auch von ihr nicht bekriegt werden muss.

Dan Diner: Aufklärungen. Wege in die Moderne.
Philipp Reclam jun., Stuttgart 2017; 87 S.; 6,– € , als E-Book 5,49 €