Magie ist ein viel bemühtes Wort, das meistens eine gewisse Ratlosigkeit verdeckt. Aber wie soll man es anders nennen, wenn ein Film einen Zauber hat, ein Rätsel in sich birgt? Wenn Bilder in der Erinnerung eine magische Leuchtspur hinterlassen?

In Der traumhafte Weg folgt die Regisseurin Angela Schanelec einem Liebespaar (Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson) über drei Jahrzehnte hinweg. Ihr Film beginnt in den achtziger Jahren in Griechenland. Es ist Sommer, Theres, eine Deutsche, und ihr englischer Freund Kenneth sind jung. Die beiden verdienen sich ihre Ferien als Straßensänger. Man glaubt, den lauen Wind zu spüren, der sein T-Shirt flattern lässt und ihr durchs Haar fährt. Kurze Szenen: Seine abgelaufenen Lederschuhe auf rissigem Asphalt. Ihre Riemenschuhe auf warmen Felsen. Grillenzirpen. Durch einen Anruf erfährt Kenneth von einem Unfall seiner Mutter in England. Auch diese Szene erzählt Schanelec mit stummfilmhafter Zeichenhaftigkeit: Eine Telefonzelle. Kenneths Mütze, die zu Boden fällt. Sein zusammensackender Körper. Erschrockene Stille. Der besorgte Blick von Theres. Die Grillen zirpen weiter.

Schon in diesen ersten Bildern begegnet man dem Bildempfinden und Eigensinn einer im deutschen Kino einzigartigen Regisseurin. Tatsächlich hat Angela Schanelec einen ganz eigenen Sinn für die Sinnlichkeit all dessen, was in einer Einstellung geschehen kann. Für das leise Rauschen des Windes oder für Sonnenlicht, das wie zärtlich auf einen Hinterkopf fällt. Für Körper, die auf faszinierende Weise fremd wirken und sich im Blick ihres Kameramannes Reinhold Vorschneider entdecken lassen. Und ganz besonders: für das genaue Gefühl von Orten und Räumen, die in Schanelecs Kino nie Locations sind, sondern das, was in ihnen stattfindet, erst hervorzubringen scheinen.

Plätze in Städten, Das Glück meiner Schwester, Mein langsames Leben, Marseille, Orly – so heißen einige der Filme, die Angela Schanelec seit Beginn der neunziger Jahre gedreht hat. Was sie verbindet, sind Orte, in die das Leben und die Gefühle einziehen. In ihrem neuen Film arbeitet Schanelec meist mit kürzeren Einstellungen. In ihrer Fragmentierung wirken sie mal abstrakt, mal märchenhaft überhöht. Selten hat man das Gefühl, dass ein Film nur in genau der Form denkbar ist, in der er entstanden ist. Man könnte auch von formaler Intuition sprechen. Womöglich liegt nicht zuletzt hier das Traumhafte von Angela Schanelecs Filmen.

Auch Der traumhafte Weg ist ein Film der Orte, an denen sich Wege kreuzen: Da ist das Chiaroscuro eines Hotelzimmers, in dem Theres und Kenneth Jahre nach Griechenland noch einmal eine Nacht verbringen. Ihre Hand berührt sacht seinen neben ihrem Knie ruhenden Kopf.

Da ist der Wald, den Theres und ihr kleiner Sohn wiederum Jahre später durchqueren, auf dem Weg nach Berlin, wo sie als Lehrerin arbeiten wird. Der Wald ist der Inbegriff eines Waldes, ein Flirren aus Licht und Grün, ein Traumwald.

Da ist der Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs, auf den, wiederum Jahre später, der Blick einer anderen Figur fällt. Vor einem lang gezogenen Betonpoller sitzt Kenneth, nicht wissend, dass in der Stadt, in der er als Obdachloser gestrandet ist, auch Theres lebt.

Eine Erfahrung der allumfassenden Zufälligkeit des Daseins

Wir, die Zuschauer, kennen die Figuren, deren Wege und Blicke an diesen Schauplätzen zufällig aufeinandertreffen. Das verleiht uns eine gewisse Allwissenheit, eine Perspektive des Überblicks. Vielleicht geht es hier aber auch um das genaue Gegenteil: eine ontologische Ohnmacht. Um eine Erfahrung der allumfassenden Zufälligkeit des Daseins.

Weitere Figuren betreten Schanelecs Erzählräume: Ariane (Maren Eggert), eine etwa vierzigjährige Schauspielerin, trennt sich von ihrem Mann. Die gemeinsame Tochter bricht sich einen Arm. Der Arzt, der ihn im Krankenhaus eingipst, ist der inzwischen erwachsene Sohn von Theres.

Der traumhafte Weg ist tatsächlich ein traumhafter Film. Wie in einem Traum geschehen Dinge, die ihre eigene innere Logik besitzen. Manchmal durchschaut man sie und manchmal nicht. Insgesamt laufen Bewegungen, Reaktionen, Geschehnisse mit einer Zwangsläufigkeit ab, die sich – eben wie im Traum – nicht beeinflussen lässt. Alles geschieht mit somnambuler Sicherheit. Deshalb wirft dieser Film auch keine Fragen auf, sondern allenfalls Rätsel. Was ist das für eine Einstellung einer tropischen Insel-Landschaft, die zwischen zwei Berlin-Szenen zu sehen ist? Man ahnt, dass sie etwas mit einem historischen Tropenbuch zu tun habe könnte, das Ariane kurz zuvor in einer Bücherei betrachtet hat.

Weshalb immer dieselben Kleider?

Weshalb tragen Kenneth und Theres über dreißig Jahre hinweg immer dieselben Kleider? Er die Lederschuhe und den grauen Strickpullover aus Griechenland. Sie einen Rock und ein mädchenhaftes, rot-weißes Oberteil. Auch hier haben die Bilder eine Art höhere Intuition: Bleiben wir nicht immer die erwachsenen Kinder, als die wir uns zum ersten Mal wahrgenommen haben? Und haben wir nicht, egal wie alt wir sind, immer dasselbe Bild von uns?

Der traumhafte Weg ist auch und vor allem ein schöner Film. Die Schönheit entsteht aus der Zuneigung und dem Respekt der Regisseurin für ihre Figuren. Sie belässt sie als eigenständige Wesen, die auch von ihr selbst nicht entschlüsselt werden müssen. Man könnte auch sagen: Keine der Figuren wird je für eine Geschichte, eine Aussage, eine Idee benutzt. Sie sind einfach da.

Immer wieder legen sich die Menschen dieses Films nieder, so als hätten sie an etwas Übermächtigem zu tragen. Sie schmiegen sich ins Moos des Waldbodens, liegen trunken schlafend auf dem Parkett einer Berliner Wohnung. Oder auf dem Bett eines heruntergekommenen Apartments in England. Der Film nimmt ihnen einen Teil dieser Last ab. Er gibt ihnen Trost, allein durch die Form, mit der er sie hervorbringt und umfängt. Und vielleicht tröstet er auch uns.

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