Wenn Griechenland pleitegeht, Italien neu wählt, die Türkei in der Autokratie versinkt; wenn es um uns herum brenzlig wird, dann melden sich die deutschen Besserwisser. An guten Tagen klingen sie wie Sozialarbeiter, an schlechten wie hochmütige Streber.

Sie klingen wie Jens Spahn, CDU. Er forderte alle Deutschtürken mit zwei Pässen auf, sich zu entscheiden, welchem Staat und welchem Präsidenten ihre Loyalität gelte. Klar, Herr Spahn. Weil wir in diesem Land – das hat sich bewährt – täglich auf unsere Fahne schwören. Weil die Schulkinder am Morgen in der Aula stehen und fröhlich schreien: "Mein Präsident heißt Frank-Walter Steinmeier!"

Oder Sonia Mikich, einst bekennende Marxistin, heute Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks. Sie forderte nach dem Referendum, dass Deutschtürken jetzt ihren deutschen Pass abgeben sollen, falls sie für die Todesstrafe sind. Denn: Zusammenleben in Deutschland heiße, das "Grundgesetz hochzuhalten". Sie habe da, sagt sie, keine Lust mehr zu streiten. Schade eigentlich, dass sie nicht streiten mag. Sonst könnte man sie fragen, ob das für alle Bürger gilt. Auch für Deutsche ohne türkische Wurzeln.

Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts von 2014 findet ein Viertel der Deutschen die Todesstrafe "grundsätzlich richtig". Das sind ein paar Millionen Menschen. Wo sollen die nur hin, Frau Mikich, wenn wir ihnen den Pass abnehmen? Im Deutschen Herbst, während der Entführung von Hanns Martin Schleyer, waren fast siebzig Prozent der Deutschen für die Todesstrafe. Da hatte dieses Land nur einen Bruchteil des Terrors erlitten, den die Türkei gegenwärtig zu ertragen hat; von islamistischen Attacken auf Flughäfen bis hin zu Bomben in Einkaufsmeilen und Nachtclubs.

Man könnte angesichts dieser Zahlen zu dem Schluss kommen, dass die Sehnsucht nach Drakon ein menschliches Phänomen ist, nicht ein türkisches. Man könnte fragen, was den deutschen Wutbürger, der mit einem Galgen durch Dresden marschiert und die Todesstrafe für Kinderschänder fordert, mit dem schnaubenden Anatolier verbindet, der Oppositionelle durch das Hinterland jagt. Man könnte den Mut junger Menschen bemerken, die trotz Lebensgefahr immer wieder auf die Straßen Istanbuls gehen, als unbezwingbare Demokraten. Und hoffen, dass wir ähnlich mutig wären, wenn es in Deutschland so weit ist. Aber nein. Halten wir lieber das Grundgesetz hoch! Fordern wir Bekenntnisse! Entziehen wir Pässe!

Neulich sprach sich der Schriftsteller Feridun Zaimoğlu in dieser Zeitung gegen den Doppelpass aus. Er kam mit fünf Jahren nach Deutschland und ist inzwischen super integriert. Man könne nicht "zwei Herren dienen", schrieb er. Da gehe es um Gerechtigkeit. Wer hier geboren ist, der habe ja auch keinen Doppelpass. Es gilt offenbar, was Deniz Yücel mal so treffend beschrieb: "Was ich nicht habe, soll auch sonst keiner haben. Wenn ich schlechten Sex habe, soll sich auch sonst niemand amüsieren. Wenn ich nur einen Pass besitze, sollen die Ausländer gefälligst auch keinen zweiten haben. Gerechtigkeit ist, wenn es allen scheiße geht."

Der deutsche Streber steht für Gerechtigkeit, für Selbstgerechtigkeit. Er greift, in Anbetracht der türkischen Misere, in die Wortschublade "Mittelmeerraum". Dorthin, wo er auch Sätze bereithält für Griechen, Italiener und Portugiesen. Für jene verhaltensauffälligen Lümmel von der letzten Bank, die andauernd den Betrieb aufhalten. "Griechenland muss seine Hausaufgaben machen", sagte Wolfgang Schäuble 2010. "Italien muss seine Hausaufgaben machen", sagte Schäuble 2011. "Zypern muss seine Hausaufgaben machen", sagte Schäuble 2013.

Und wenn der Mittelmeerraum zu uns kommt, als Kriegsflüchtling aus Syrien, dann schauen wir ihm über die Schulter, während er seine Hausaufgaben macht – und schimpfen notfalls auch! Julia Klöckner, CDU, schlägt Bußgelder für alle Flüchtlinge vor, die sich nicht integrieren.

Der deutsche Hang zu Strebertum und Übererfüllung ist nervig, wenn er sich in Fragen von Demokratie, Finanzen und Staatswesen zeigt. Dass er auch gefährlich sein kann, hat unsere Geschichte bewiesen. Warum vertrauen wir nicht Winston Churchill? Der sagte mal: "Die meisten sind bereit zu lernen, aber nur die wenigsten, sich belehren zu lassen."