In den vergangenen Monaten habe ich mehrmals die gleiche merkwürdige Situation erlebt: Immer wenn es sich um eine Veranstaltung zur Digitalisierung handelte und meine Gesprächspartner zur kritischen Netzgemeinde zählten, bekam ich spätestens nach einer halben Stunde zu hören, man müsse bei allen Problemen aber auch mal die positiven Seiten der Digitalisierung sehen, überhaupt gehöre das doch alles zur Welt, wie sie heute ist, und man wolle das ja wohl nicht zurückdrehen und so weiter. Seltsam, denn wir leiden ja gerade nicht unter starkem Mangel an digitaler Euphorie – weshalb sonst sieht man seine soziale Umwelt chronisch in Smartphones vertieft und hört die komplette Wirtschaft im Chor mit der Politik monoton die Verheißungen der "Industrie 4.0" preisen, ohne dass auch nur einer sagen könnte, was denn die Industrie 3.0 gewesen wäre? Fehlende Zustimmung zur Digitalisierung vermag ich nicht zu erkennen, Mangel an Folgenabschätzung hingegen schon.

Tatsächlich erinnert mich die vielfach geradezu delirierende Begeisterung über die digitalen Segnungen an eine andere technikgeschichtliche Phase, in der man sich das Blaue vom Himmel erhofft hatte: die finale Lösung aller Energieprobleme, aller Begrenzungen, wie sie die Endlichkeit der fossilen Ressourcen nun mal mit sich bringt. Das Wunder damals, vor mehr als einem halben Jahrhundert, hieß: Atom. Es wurde dem deutschen Fernsehpublikum unter dem schönen Titel Unser Freund, das Atom nahegebracht. Populärkultur und Wissenschaft feierten das anbrechende Atomzeitalter in exakt jener Einvernehmlichkeit, wie das heute mit der Digitalisierung geschieht. Aus der damaligen Euphorie ist man nach Tschernobyl erschrocken und nach Fukushima ernüchtert aufgewacht. Noch bis in die achtziger Jahre hinein galt man als Fortschrittsfeind, wenn man nicht allen Heilsversprechen glauben mochte und den einen oder anderen Einwand erhob gegen unseren Freund, das Atom.

Dass Aggressionen erntet, wer Beglückungsversprechen anzweifelt, ist normal, zeigt aber auch an, dass die Jünger (es sind ja vor allem Männer) der Digi-Religion nicht so fest im Glauben sind. Sonst würde ihnen Kritik keine Angst machen. Vielleicht ahnen sie etwas. Sie haben nämlich zwar angeblich Lösungen für alle planetaren Probleme im Köcher, leider aber keine für die Probleme, die sie selber mit ihren Wundermaschinen erst erzeugen – als da wären: steigender Energiebedarf, stetige Steigerung von Konsum und zugehörigem Materialbedarf, wachsende Mobilität, immer kürzere Produktzyklen, immer mehr Fremdsteuerung und Verletzlichkeit der Systeme und verbunden mit alledem eine voranschreitende Naturzerstörung.

Daten seien, so wird unablässig gepredigt, der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts, und das ist nun der allergrößte Blödsinn im grenzenlosen Universum der Digitalisierungsverheißungen. Daten sind kein Rohstoff, Daten brauchen Rohstoff. Leben basiert auf Stoffumwandlung, wir müssen etwas atmen, essen und trinken, was wir dann umgehend in etwas anderes umwandeln und als Stoff wieder ausscheiden. Das werden schwerlich Nullen und Einsen sein, ebenso wenig wie all die iPhones, Screens, Datenbrillen und Roboter, alle "Cloud" genannten Serverfarmen und die für sie nötigen Kraftwerke aus Nullen und Einsen bestehen, sondern aus: Metall, Kunststoff, Mineralien, seltenen Erden. Rohstoffe werden für all die schönen Dinge, die man datenverarbeitend machen kann, gebraucht, nicht etwa von ihnen erzeugt.

Daten brauchen aber nicht nur materiellen, sondern vor allem immateriellen Rohstoff, damit man mit ihnen Geschäfte machen oder Kontrolle ausüben kann. Dieser Rohstoff sind sozusagen wir selbst, er besteht aus unseren Informationssuchen, unseren Kaufakten, Mitteilungen, Fotos, Kontakten, Verhaltensprotokollen und so weiter. Und mit der Ausbeutung dieses Rohstoffs, also der autonomen Person, ergibt sich, dass die Voraussetzung unserer freiheitlichen Form von Gesellschaft selbst infrage gestellt wird: nämlich Privatheit.

Demokratie setzt voraus, dass es Bürgerinnen und Bürger gibt, die für ihre Angelegenheiten und das Gemeinwesen eintreten und es gestalten. Das können sie aber nur, wenn es eine Trennung von öffentlich und privat gibt: Ich kann nur dann Bündnisse schließen, Strategien entwickeln, Argumente verfertigen, wenn ein privater Raum existiert, in den niemand Einblick hat.

Daher ist es die selbstverständliche Erfahrung moderner Menschen, dass es eine Trennung der privaten von der öffentlichen Sphäre gibt, und genauso selbstverständlich war es bis vor nicht allzu langer Zeit, dass in diesen Sphären jeweils auch unterschiedliche Normen Gültigkeit beanspruchen konnten. Während die öffentliche Sphäre durch Zugänglichkeit, Transparenz, Diskussion und politische Gestaltbarkeit gekennzeichnet ist, ist die private Sphäre umgekehrt durch Exklusivität, Intransparenz, Politikferne und "Nichtbeachtbarkeit" (ein Begriff des amerikanisch-britischen Philosophen Raymond Geuss) charakterisiert.

Als Sphäre, in der Menschen tun und lassen können, was sie wollen, ohne dass eine Öffentlichkeit davon auch nur Kenntnis gewinnen könnte, bildet Privatheit jenen Seinsbereich, in dem sich Sichtweisen bilden und entfalten, Persönlichkeiten entwickeln und Standpunkte ausprobieren lassen. Genau das braucht es, um auf der anderen Seite politischer Bürger zu sein. Alle Verfassungsväter und -mütter von der amerikanischen Verfassung an waren sich daher der Notwendigkeit des absoluten Schutzes von Privatheit bewusst, deshalb stehen Grundrechte wie die Unverletzlichkeit der Wohnung oder das Briefgeheimnis in jeder modernen Verfassung.

Und genau deshalb waren sich umgekehrt alle totalitären Denker und Herrscher und Diktatoren darüber klar, dass Privatheit das zentrale Hindernis für die Durchsetzung totaler Herrschaft ist. Solange Menschen etwas für sich haben, in das niemand anderer, schon gar nicht der Staat, eindringen kann, sind sie nicht vollständig beherrscht. Deshalb ist in allen Diktaturen, wie Günther Anders formuliert hat, "das Selbst das erste besetzte Gebiet".