Der geschulte Bürger weiß, dass Wahlversprechen so viel wert sind wie zaristische Anleihen nach der Revolution. Bloß hat noch niemand so viele Gelübde so rasch gebrochen wie Donald Trump. Die ersten hundert Tage zusammengefasst: "Ich ändere meine Meinung noch schneller, als ich twittere."

Gehen wir die Top-Einträge in der Liste der Sprüche durch. Die Mauer an der Grenze zu Mexiko? Die will Trump nach wie vor haben, aber seit Wochenbeginn will er vom Kongress kein Geld mehr für die Finanzierung – vorläufig. Die Nato sei "obsolet", hieß es noch vor vier Wochen. Am 12. April: Das Bündnis "ist nicht mehr veraltet". Anfang des Monats brandmarkte Trump Peking als "Währungsmanipulator". Zehn Tage später: Nein, sind die Chinesen nicht – nicht wenn man sie als Kraftverstärker gegen Pjöngjang braucht. Das Handelsdefizit, das seit "Jahrzehnten" amerikanische Jobs "vernichtet"? Plötzlich sagt er Chinas Staatschef: "Wollen Sie einen tollen Deal? Dann lösen Sie das Problem mit Nordkorea. Das wäre das Defizit wert."

Obamacare, die nationale Krankenversicherung, sollte am "Tag eins" verschwinden; es gibt sie immer noch. Denn: "Niemand konnte ahnen, dass Gesundheitspolitik so kompliziert ist." Trumps "neuester bester Freund"? Nun ist Putin der neue Schurke. Er unterstütze Assad, einen "wahrhaft bösen Menschen". Apropos Syrien: Wollte sich der Kandidat nicht aus den Kriegen der Welt heraushalten? "Nicht Syrien attackieren", twitterte er 2013, "USA reparieren!"

Am 7. April feuerte Trump 59 Cruise-Missiles ab – als Warnung an Assad, nie wieder C-Waffen gegen sein Volk einzusetzen. Und als Signal an Putin; etwa: Wir sind wieder da, nicht wie dieser Obama, der seine "rote Linie" verriet und sich aus Nahost zurückziehen wollte. Einmischung, humanitäre Intervention? Das war des Teufels. Nun heißt es (laut Außenminister Tillerson): "Wenn du internationale Normen verletzt und zur Bedrohung wirst, kommt irgendwann eine Antwort." Noch ambitionierter: Amerika werde "all jene zur Rechenschaft ziehen, die Verbrechen gegen Unschuldige begehen – überall in der Welt".

"America first", also "wir allein daheim", ist das nicht, weder Rückzug noch Abdankung, sondern Trump als Wiedergeborener, der sich die internationalistische Tradition aneignet, die von Kennedy über Reagan zu George W. reicht. Nun zum Personal. Trumps Chefideologe Steve Bannon ist raus aus dem Nationalen Sicherheitsrat. In Washington zirkuliert das Wort von der "Achse der Erwachsenen", die das Sagen in der Außen- und Sicherheitspolitik habe: Mattis im Pentagon, McMaster als Sicherheitsberater, Tillerson als Chefdiplomat.

"Realität vs. Rhetorik" mag man das jüngste Kapitel in der Präsidentschaft des Donald Trump nennen. Max Boot vom New Yorker Council on Foreign Relations gibt sich "vorsichtig optimistisch" und meint, Trump sei "lernfähig". Das wäre die beste Nachricht nach hundert Tagen. Die weniger gute liegt auf der Hand. Wenn der Präsident so schnell so vielen apodiktischen Parolen abschwört, kann auf Trump 2.0 ebenso rasch Trump 3.0 folgen. Wer heute nach der Devise "Was interessiert mich mein Gewäsch von gestern?" verfährt, könnte es morgen abermals tun, zumal er seine 180-Grad-Wendungen weder erklärt noch rechtfertigt. Den Mann berechnen zu wollen ist genauso einfach, wie ein Erdbeben vorauszusagen.