Am 1. Oktober 1966, nach 20 Jahren Haft, öffnete sich für Albert Speer das Spandauer Gefängnistor. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen und unter den Blicken Tausender Schaulustiger bestieg er einen bereitgestellten Mercedes und brauste davon – der Start in eine zweite Karriere als omnipräsenter Zeitzeuge und gefeierter Buchautor.

Albert Speer in der Bundesrepublik heißt eine Ausstellung, die in dieser Woche im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg eröffnet wird. Der Ort könnte passender nicht sein. Denn der Torso der großen Kongresshalle, Sitz des Dokuzentrums, zeugt bis heute von der Gigantomanie der Speerschen Planungen für die Stadt der Reichsparteitage.

Die Ausstellungsmacher um Martina Christmeier und Alexander Schmidt wollen zeigen, wie sich Hitlers einstiger Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister nach 1945 neu inszenierte und warum die von ihm in die Welt gesetzte Legende über seine Tätigkeit im "Dritten Reich" so ungeheuer erfolgreich war. Beratend zur Seite stand ihnen Magnus Brechtken vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, dessen lange angekündigte Speer-Biografie Ende Mai erscheinen wird.

Zunächst stößt man auf eine riesige Installation, geformt aus den Buchstaben "S P E E R". In deren Innerem vernimmt man über Videoprojektionen ein zentrales, ständig wiederkehrendes Muster der Selbstrechtfertigung Speers: die Behauptung, von den Massenverbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere vom Mord an den europäischen Juden, nichts gewusst zu haben.

Das Herzstück der Ausstellung – markiert durch ein Karree mit weit ausladenden Schautafeln – präsentiert die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Speer-Legende. Den Anfang macht sein Auftritt vor dem Nürnberger Tribunal, bei dem er sich als unpolitischer Technokrat darstellte, sich reumütig gab, zugleich aber jede konkrete Beteiligung an den Verbrechen bestritt. So konnte er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, während Fritz Sauckel, der in seinem Auftrag Millionen Zwangsarbeiter nach Deutschland hatte verschleppen lassen, zum Tode verurteilt wurde. "Speer hat mich also heimtückisch hinters Licht geführt", liest man auf einem Notizzettel Sauckels für seinen Verteidiger.

Eingehend beleuchtet die Ausstellung das informelle Netzwerk, auf das Speer während seiner Haft und nach seiner Entlassung zurückgreifen konnte. Viele seiner jungen, ehrgeizigen Mitarbeiter setzten nach 1945 ihre Karrieren in der Bundesrepublik fort, und sie unterstützten die Familie Speer mit regelmäßigen Zuwendungen.

Ein besonderer Akzent wird auf seinen Umgang mit den Medien gelegt. Bereits vor 1945 betrieb Speer intensive Imagepflege – Erfahrungen, die dem Medienprofi, gewohnt, sich ins rechte Licht zu rücken, nach seiner Entlassung zugutekamen, als er in unzähligen Interviews an seiner Legende strickte. Bei deren Verbreitung standen ihm Journalisten bereitwillig zu Diensten.