Der Blick fällt von Schienen in Hinterhöfe – man hatte ganz vergessen, dass es so viel graue 1950er Jahre in Deutschland überhaupt noch gibt. Wer als von der Behämmertheit und sanften Spießigkeit von Berlin-Mitte Erschöpfter mit dem Zug in der Ruhrgebietsstadt Duisburg einfährt, muss aufpassen, dass er nicht gleich zu begeistert ist von der pittoresken Hässlichkeit dieser Stadt. Wie unfassbar wohltuend, erfrischend und ganz konkret gut fürs Denken es ist, in dieser großen, grauen und kaputten Stadt zu sein!

Ein April-Wochenende, zwei Wochen nach dem Sonntag, an dem Türken in Deutschland über Erdoğans Verfassungsreferendum abstimmen durften, drei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Auf der Rückseite des Bahnhofs trifft der Reporter seine erste Duisburger Rumänin. Sie ist jung, geschätzte 18 Jahre alt, trägt einen schwangeren Bauch und sieht – Entschuldigung, darf man das so sagen? – fantastisch aus (bodenlanger Rock, rosa Plüschhausschuhe). Eine Szene wie aus einem schlechten Hip-Hop-Video: Da steht eine Gruppe klassischer Hauptbahnhof-Gestalten mit Lederjacken und Trainingsanzügen (Türken? Bulgaren? Rumänen?), einer posiert mit einem Bündel 50-Euro-Scheine (er hält die Scheine wie einen Fächer in der Hand), die anderen filmen ihn mit ihren Handys. Soll das ein Witz sein? Der Reporter nimmt das Taxi nach Duisburgs Norden.

Es ist nicht ganz leicht, über Duisburg-Marxloh zu berichten, ohne wie ein billiger Sensationsreporter zu klingen. Vielleicht so: Während es dem Ruhrgebiet insgesamt nicht so schlecht geht und der Strukturwandel von der Industrieregion zu irgendwas anderem (grünes Paradies für Radfahrer) schon irgendwie funktioniert, geht es an einigen Flecken im Ruhrgebiet überhaupt nicht gut – da stürzen einzelne Stadtviertel regelrecht ab. Duisburg-Marxloh ist unter den abgestürzten Stadtteilen des Ruhrgebiets der derzeit bekannteste.

Arbeiterstadt Duisburg, ehemals stolzer Standort der Montan- und Stahlindustrie: Mit Anwerbung der Gastarbeiter und niedrig qualifizierter Arbeitskräfte vor allem aus der Türkei entstand in Marxloh seit Mitte der sechziger Jahre eine türkische Kleinstadt in Deutschland. Heute haben knapp 70 Prozent der Marxloher einen Migrationshintergrund – noch einmal wirklich verändert hat sich der Stadtteil innerhalb der vergangenen fünf Jahre mit der Armutsimmigration aus Südosteuropa. Ein Viertel der rund 20.000 Marxloher stammen heute aus Bulgarien und Rumänien (seit 2007 sind beide Länder EU-Mitglied). Duisburger Behörden berichten von schier unglaublichen Praktiken: Demnach locken kriminelle Banden Zuwanderer gezielt aus Bulgarien und Rumänien ins Ruhrgebiet und bringen sie zu horrenden Preisen in Schrottimmobilien unter. Arme-Leute-Viertel Marxloh: Die Arbeitslosigkeit ist hier so hoch wie vor 30 Jahren, knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt von Transferleistungen.

Im Juli vorletzten Jahres sendete die Polizei in Nordrhein-Westfalen dann einen bundesweit beachteten Notruf aus: Marxloh entwickele sich zur No-go-Area und zum rechtsfreien Raum, das Stadtviertel werde von libanesischen Großfamilienclans kontrolliert, die öffentliche Ordnung und Sicherheit könne nicht länger gewährleistet werden. Eine deutsche Tageszeitung sprach gar vom "alptraumhaften Abstieg eines deutschen Stadtteils". Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise wurde der Duisburger Bürgermeister mit einem nicht so schönen Satz zitiert: "Ich hätte gerne das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte." Letzte Nachricht aus Marxloh: Am Abend des Ostersonntags wurde ein 14-jähriger Junge, Mitglied einer bulgarischen Familie, niedergestochen (das Tatmotiv ist nicht abschließend geklärt, es könnte sich um eine Familienfehde gehandelt haben). Die Landesregierung in Düsseldorf bestreitet bis heute die Existenz von No-go-Areas in Nordrhein-Westfalen – den Wahlkampf aber, so viel ist auch sicher, wird Duisburg-Marxloh bis zur Landtagswahl am 14. Mai prägen.

Stehen und gucken am sogenannten Pollmann-Eck: Das ist die große Straßenkreuzung an der Weseler Straße und der Kaiser-Wilhelm-Straße, im ganzen Ruhrgebiet als Brautmoden-Meile bekannt (hier liegen auf einem Kilometer etwa 30 Boutiquen, die wunderbar kitschige Hochzeitskleider verkaufen). Es ist Samstagmittag, zwölf Uhr. Es gibt ausschließlich türkische Läden. Jedes dritte Ladenlokal ist eine Spielhalle oder ein Wettbüro. Wenige bürgerliche Häuser, ansonsten besteht der gesamte Straßenzug aus der typischen halb grauen, halb schwarzen, bis auf Hüfthöhe gekachelten, komplett runtergekommenen Fünfziger-Jahre-Ruhrgebiets-Fassade. Das Stadtbild wirkt trotzdem enorm lebendig und undepressiv, es sind einfach zu viele Leute auf den Straßen. Ist das wohltuend: Dieses Duisburg-Marxloh ist definitiv nicht gentrifiziert und nirgendwo auch nur ansatzweise hip (kein Sojamilch-Latte-macchiato, keine veganen Bio-Burger).

Ein nicht vom Islam geprägtes Deutschland? Hier müsste man sich geschlagen geben

Alle Achtung, es sind wirklich sagenhaft dunkle, verwegene, süd- und fremdländisch aussehende Gestalten auf den Straßen unterwegs. Der Marxloher läuft in Grüppchen von vier bis acht Frauen oder Männern auf den Bürgersteigen. 80 Prozent der Männer tragen Trainingsanzug, 90 Prozent der Frauen Kopftuch. (Einschub: Der Reporter spürt einen wirklich guten Adrenalinschub – ist das bitte gut hier! Man kann ja nicht sein Leben lang Working-Class-Romantik, Gangster-Hip-Hop und die Mafia-Filme mit Robert De Niro feiern und es dann auf den Straßen von Marxloh nicht geil finden! Einschub II: Der Reporter hat das Problem, dass er mit einer grünen Bomberjacke in Marxloh spazieren geht. In Berlin ist diese Jacke längst Standard bei schwulen Agenturchefs und Art-Direktoren, im Ruhrgebiet tragen solche Jacken nur Neonazis.)

Der Reporter erkennt, dass Menschen aus der Türkei, Bulgarien, Rumänien und aus anderen Nationen (Russland, Albanien, Marokko, Algerien) auf der Weseler Straße unterwegs sind, kann die unterschiedlichen Nationalitäten – zum Beispiel anhand der unterschiedlich gebundenen Kopftücher der Frauen? – aber nicht unterscheiden. Ein Politiker wie Jens Spahn, Star der jungen Konservativen in der CDU, oder Horst Seehofer aus Bayern müsste in Marxloh verzweifeln – im Kampf um ein nicht vom Islam geprägtes Deutschland müssten sie sich auf diesen Straßen geschlagen geben.

Der August-Bebel-Platz mit dem Marxloh-Center, das bis in die achtziger Jahre das Kaufhaus Horten war (die alten Marxloher sprechen von den guten alten Zeiten als "früher, als es Horten noch gab"). Die Plakate der MLPD und der DKP hauen hier komischerweise rein: "Günstige Mieten, höhere Löhne, Bildung für alle". Die CDU versucht es mit "Sicherheit, mehr Polizei, weniger Einbrüche". Ein weißhaariger Herr wirbt mit dem unfassbar laschen Spruch: "Heimat im Herzen / SPD". Bemerkenswert: Es hängt nicht ein Plakat der AfD.

Man könnte vielleicht Angst haben, hat aber eher keine Angst: Es gibt wenig Blicke-Stress. Der Marxloher Mann schaut mit dem Ausdruck stolzen Desinteresses durch den offenkundig Ortsfremden hindurch. Nach gut einer halben Stunde lassen sich die ersten zwei Menschen ohne Migrationshintergrund sehen: Eine Frau und ein jüngerer Mann sitzen, Zigaretten rauchend, in einem Lieferwagen. Wohnt ihr hier? "Ganz sicher nicht. Wir müssen hier nur was abgeben, dann sind wir wieder weg."

Angela Merkel - "Kriminalität unter den Teppich kehren zu wollen, hat unglaublichen Schaden angerichtet" Die Bundeskanzlerin sagte, der islamistische Terror stelle viele europäische Länder vor eine Herausforderung. Die Silvesternacht 2015/2016 habe die Stimmung im Land verändert. © Foto: Friso Gentsch/dpa