Emmanuel Carrère hat die französische Literatur wieder zu einer internationalen Referenzgröße gemacht. Diesen Rang nimmt er nicht ein, weil er ein glänzender Stilist, ein geborener Erzähler und ein tiefgründiger Psychologe ist, sondern weil er dem zeitgenössischen Erzählen ein neues Genre hinzugefügt hat, das durch den Titel eines seiner schwächeren Bücher auf den Punkt gebracht wird: Alles ist wahr.

Carrère verhält sich in seinem Schreiben wie ein Romancier, nur dass er nichts erfindet. Das allein würde ihn noch nicht zu einer schulbildenden Ausnahmefigur machen, denn die Gattung der Autofiktion, wie sie neuerdings genannt wird, bedienen auch andere mit viel Geschick und großer Wirkung, von Karl Ove Knausgård bis – hierzulande – Benjamin von Stuckrad-Barre oder Thomas Melle.

Carrères Clou ist ein anderer. Er dreht die Schraube noch einmal um eine entscheidende Drehung weiter und eröffnet damit einen neuen Erzählraum, wie man ihn so mit keinem anderen Schriftsteller betreten kann. Carrères Bücher haben immer ein Thema, das keineswegs das Leben des Verfassers sein muss, doch egal, worüber er schreibt, immer ist er selbst mit seinen Gedanken, Gefühlen, seiner biografischen Situation anwesend. Seine Bücher sind keine Memoirs, sondern er will etwas über die Welt herausfinden: in Amok zum Beispiel etwas über einen Biedermann, der nach dem Zusammenbruch der bürgerlichen Fassade, die er allen vorgespielt hat, seine ganze Familie ermordet. Oder über den russischen Polit-Punk, Querfront-Dandy und Gründer der Nationalbolschewistischen Partei Eduard Limonow. Oder über ein Ehepaar, das seine Tochter 2004 in der Tsunami-Katastrophe verloren hat, wie in Alles ist wahr. Das Entscheidende ist nicht, dass es sich um authentische Stoffe handelt, sondern dass der, der sie aufschreibt, in jedem Moment erkennbar ist. Der Verfasser ist kein neutraler Spiegel seines Gegenstands, sondern selbst mit im Bild, wie Velázquez in Las Meninas.

Im Reich Gottes erzählt Carrère die Doppelbiografie des Apostels Paulus und des Evangelisten Lukas. Das Buch ist eine glänzende Einführung ins Frühchristentum, aber gleichzeitig teilt Carrère dem Leser mit, warum ihn das Thema interessiert: Er hat selber einmal eine sehr katholische Phase durchlebt, jetzt versteht er sich als Agnostiker, er möchte indes nicht ausschließen, dass er mit jenem Lächeln von oben herab, mit dem er heute an seine religiöse Phase zurückdenkt, irgendwann auf seine agnostische Phase zurückschauen wird.

Nun erscheint Carrères Buch Ein russischer Roman, das in Frankreich bereits 2008 herausgekommen ist. Der Titel ist ausgefuchst, denn natürlich ist auch dieses Buch von der Gattung her kein Roman, aber jedes Leben, richtig erzählt, nimmt romanhafte Züge an.

Zur konkreten Erzählsituation: Emmanuel Carrère, der auch als Regisseur arbeitet, befindet sich mit einem Filmteam in Kotelnitsch, einem Kaff in Sibirien, das alle Klischees postsowjetischer Trostlosigkeit erfüllt. Er will einen Dokumentarfilm drehen, der kein Thema hat, sondern nur zeigt, was dem Filmteam zufällig zustößt. Wie kommt er auf diese Idee? Das hat familiengeschichtliche Gründe. Carrères Mutter ist die Historikerin Hélène Carrère d’Encausse, die in Frankreich eine Legende ist, ihr Buch Risse im Roten Imperium von 1978 prognostizierte kühl den Zerfall der Sowjetunion, seit 1999 steht sie als erste Frau an der Spitze der Académie française – kein Orden, der ihr nicht verliehen wurde. Hélènes Vater hingegen war ein georgischer Emigrant in Paris, der während der Okkupation mit den Deutschen kollaborierte. 1944 wurde er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Résistance verschleppt, und die Familie hat nie wieder etwas von ihm gehört. Sie hat aber über ihn, der nie ein Grab fand, auch nicht gesprochen, denn Kollaboration war eine Schande.

Emmanuel Carrère nun ist überzeugt, dass sich dieses Schweigen, dieses Tabu als Fluch auf die ganze Familie gelegt hat wie ein dunkler Schatten; auch sein eigenes Unglück (von außen würde man sagen: das übliche Liebesunglück wegen Bindungsunfähigkeit) bringt er damit in Verbindung. Deshalb lernt er Russisch, deshalb reist er nach Kotelnitsch, denn er glaubt, erst dann von seiner inneren Gehetztheit geheilt zu sein, wenn es ihm gelingt, wieder an die russische Vorgeschichte seiner Familie anzudocken. Russland soll ihn erlösen.

Wenn er sein russisches Erbteil wieder freigrübe, dann würde er vielleicht auch in der Liebe reifer agieren. Und das ist der andere Handlungsstrang, der spielt in Paris. Beide sind Variationen über die Effekte von Kunst auf die Wirklichkeit. Denn das Besondere an Ein russischer Roman ist, dass Carrère hier das Verhältnis von Wirklichkeit und Erzählen noch komplexer gestaltet. Die Kunst provoziert die Realität – und die entsprechenden Rückkopplungsstöße schmettern den Autor buchstäblich zu Boden. Dieses Buch ist auch ein Experiment über performative Sprechakte.