Es könnte sein, dass wir uns von einer lieb gewonnenen Redewendung trennen müssen – der Elefant im Porzellanladen könnte bald der Vergangenheit angehören. Zumindest wenn es nach einer aktuellen Studie geht. Denn die zeigt, dass Elefanten nicht nur ein großes Gehirn haben und komplexe soziale Verhaltensweisen beherrschen, sondern dass sie offenbar auch mit einer erstaunlichen Bewusstseinsfähigkeit ausgestattet sind: Sie erkennen, dass sie sich mit ihrem Körper manchmal im Weg stehen.

Die Selbstwahrnehmung von Tieren und Kleinkindern wird in der Regel mit dem sogenannten Spiegeltest erforscht. Dabei geht es darum, eine auf dem Körper angebrachte Markierung (etwa einen roten Punkt auf der Nase) im Spiegelbild zu sehen und zu begreifen, dass man selbst es ist, der so markiert wurde. Nur wenige Arten wie Schimpansen, Orang-Utans, Delfine und Elstern bestehen diesen Test. Vor gut zehn Jahren hat auch eine Elefantendame das Experiment gemeistert. Im Spiegel erkannte sie ein weißes Kreuz auf ihrer Stirn und schlug mit dem Rüssel immer wieder dagegen. Wissenschaftler sind überzeugt: Eine solche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis geht mit Empathie und erhöhten kognitiven Leistungen einher.

Allerdings wird der Spiegeltest dafür kritisiert, dass er nur in begrenztem Maße komplexe Gedankenvorgänge erfasst. Außerdem eignet er sich weniger gut für Tiere, die sich lieber auf andere Sinne verlassen als auf den Sehsinn. Deshalb gibt es einen ergänzenden Test zur Körperwahrnehmung, der an Kindern erprobt wurde: Sie sollten einen Einkaufswagen schieben, der mit einer Matte verbunden war, auf der sie standen. Um den Wagen fortbewegen zu können, mussten die Kinder ihren Körper als Hindernis begreifen und von der Matte treten – dazu waren Probanden ab etwa dem zweiten Geburtstag fähig.

Diese Art von Test haben nun Forscher der University of Cambridge auf Asiatische Elefanten (Elephas maximus) übertragen: Zwölf Elefantendamen im Alter zwischen 4 und 40 Jahren wurden aufgefordert, einen Stock aufzuheben und dem etwa zwei Meter entfernt stehenden Versuchsleiter zu überreichen. Einige Male waren die Stöcke jedoch mit einem Seil an einer Matte befestigt, auf der – genau! – die Elefanten standen. Das ein Meter lange Seil erwies sich beim Überreichen als zu kurz. Erst wenn die Dickhäuter die Matte verließen und sich dem Stöckchen von der Seite näherten, konnten sie es dem Forscher übergeben.

Wie die Forscher um Rachel Dale im Fachblatt Scientific Reports berichten, reagierten die Elefanten in 42 von 48 Durchläufen richtig und traten von der Matte, sechs von ihnen bereits beim ersten Mal. In Kontrollversuchen, in denen keine Verbindung zwischen Matte und Stock bestand, verließen sie nur dreimal die Matte.

Die Ergebnisse zeigen nach Ansicht der Forscher die hohe Intelligenz der Elefanten. "Sie können sich von anderen Objekten und ihrer Umwelt abgrenzen", sagt Dales Kollege und Co-Autor Josh Plotnik. "In Kombination mit dem Spiegeltest, den sie ebenfalls bestehen, spricht das für einen Grad an Selbstverständnis, der im Tierreich äußerst selten vorkommt."

In Ländern wie Thailand und Indien konkurrieren Elefanten mit Menschen um den gleichen Lebensraum. Die Erkenntnisse aus der Studie könnten nach Ansicht von Plotnik dabei helfen, das Verhalten der Tiere in komplexen sozialen Situationen besser zu verstehen – und ihnen mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

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