Nationen und ihre Staaten, so wird uns versichert, sind "soziale Konstruktionen". Aber das heißt nicht, dass sie jederzeit dekonstruiert werden können. Auch Familien, Bürokratien, Aktiengesellschaften sind soziale Konstruktionen; abschaffen kann man sie trotzdem nicht. Wenn es ein gemeinsames europäisches Haus geben soll, muss in ihm Platz für die europäischen Nationen sein. An ihnen vorbei wird es keine europäische politische Ordnung geben, sondern nur mit ihnen, durch sie und auf ihrer Grundlage.

Eigentlich weiß das jeder, außer in Deutschland und, vielleicht, in Brüssel. Hier stellt man sich gerne vor, dass der nächste Schritt zu einem "vereinigten Europa" von "europäischen Bürgern" ausgehen sollte, die, ihrer Nationalstaaten überdrüssig, in einem irgendwie selbst eingesetzten Konvent die Entnationalisierung Europas beschließen. Ich nenne das den putschistischen Pfad zur europäischen Einigung. Dass er begehbar sein könnte, ist eine Illusion – aber Illusionen, und insbesondere solche deutsch-idealistischer Art, können katastrophale Folgen haben, indem sie vom Nötigen und Möglichen ablenken. Wer "Verfassungspatriotismus" als Alternative zu Nationalismus und Chauvinismus anbietet, sollte sich übrigens nicht einmal in Gedanken um britische und holländische Referenden herummogeln wollen.

Es hilft nichts: Nicht nur die Natur, sondern auch Gesellschaften können sich nur aus dem Material heraus entwickeln, das sie vorher selber geschaffen haben; Sozialwissenschaftler nennen das Pfadabhängigkeit. Schöpfungsakte gibt es in der Politik allenfalls nach totalen Niederlagen in totalen Kriegen. Die politische Geschichte Europas hat eine komplexe Vielfalt von nationalen Identitäten und Souveränitäten hervorgebracht, die außerhalb von Deutschland niemand ausrotten will, nicht zuletzt wegen der Deutschen. "Ich kann verstehen", so vor ein paar Jahren ein griechischer, in New York lehrender Politikwissenschaftler im persönlichen Gespräch, "wenn ihr Deutschen eure Nationalität loswerden wollt. Aber verlangt von uns nicht, dass wir dasselbe tun, um euch dabei zu helfen."

Tatsächlich gehören die meisten Mitgliedstaaten der EU nicht an, um ihre Souveränität abzugeben, sondern um sie so weit wie möglich zu verteidigen, gerade auch gegen andere Mitgliedstaaten, oder sie überhaupt erst voll zu verwirklichen – siehe Irland, Dänemark, die Niederlande und Luxemburg, die baltischen Staaten, Finnland, Polen und so weiter. Und was die beiden europäischen Atommächte angeht, so dreht sich in Frankreich und Großbritannien die Europa-Diskussion vor allem darum, ob man innerhalb der EU oder gar der Währungsunion souveräner ist – auf Deutsch, weniger von Deutschland regiert wird – als außerhalb. Mit zunehmender Tiefe der Integration wird diese Frage zunehmend negativ beantwortet; siehe Brexit, siehe Le Pen und Mélenchon, die in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl zusammen über 40 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnten. Dass der deutsche Europa-"Diskurs" irgendwie als selbstverständlich unterstellt, dass am Ende der europäischen Einigung das Ende nicht nur des deutschen Nationalstaats, sondern aller Nationalstaaten stehen wird, lässt im europäischen Ausland immer wieder die Alarmglocken schrillen. Es gehört in diesen Zusammenhang, dass Frankreich in den 1990er Jahren Kohl jene "politische Union" verweigert hat, die Deutschland zu Recht als Voraussetzung einer funktionsfähigen Währungsunion ansah.

Das heißt nicht, dass Nationalstaaten und Nationen unproblematische Gebilde wären. Nationen neigen dazu, sich als Abstammungsgemeinschaften zu präsentieren; in Wahrheit sind sie auf das Bunteste zusammengesetzt. Mit den Nationalstaaten, in denen sie organisiert sind, sind sie nur selten deckungsgleich; fast überall gibt es nicht identische Reste, sprachlich, ethnisch, kulturell. Abgrenzungen nach außen sind oft willkürlich, Übergänge fließend. "Gemeinschaften", die sich als Nationen fühlen wie die Katalanen und Schotten können sich in einem Nationalstaat wiederfinden, der ihnen falsch vorkommt, und möchten ihren eigenen Staat gründen – um anschließend der EU beizutreten, bestimmt nicht, um ihre gerade erkämpfte Souveränität wieder aufzugeben. Normalerweise freilich konstruieren Staaten Nationen, nicht umgekehrt, wobei sie mehr (Frankreich) oder weniger (Jugoslawien) erfolgreich sind. Kriege, nach außen wie innen, sind dabei hilfreich, auch Ohrfeigen für Schüler, die im Unterricht ihre Regionalsprache sprechen. Keins dieser Mittel steht übrigens, glücklicherweise, den Brüsseler europäischen Verfassungspatrioten zur Verfügung.

Mit Nationen, um Bismarck zu paraphrasieren, ist es wie mit Blutwurst und Gesetzen: Man möchte nicht unbedingt wissen, wie sie gemacht werden. Wenn sie aber einmal gemacht sind, dann sind sie da und haben Folgen. Römer, Franken, Bajuwaren begannen als zusammengewürfelte Haufen von Straßenräubern; aber was sie hinterlassen haben, ist einzigartig identifizierbar. Tatsächlich ist der moderne Nationalstaat, oder Quasi-Nationalstaat, als souveräner Territorialstaat auch im Zeitalter der "Globalisierung" alles andere als obsolet. 2010 zählten die Vereinten Nationen 202 souveräne Staaten, darunter 192 Mitgliedstaaten; 1950 waren es noch 91 gewesen, 60 davon in den UN. 1980 war die Gesamtzahl der Staaten auf 177 gestiegen und nahm in den darauffolgenden drei Jahrzehnten beschleunigter "Globalisierung" noch einmal zu. Staatliche Souveränität ist offenkundig noch immer eine begehrte institutionelle Ressource, und Kleinheit, Voraussetzung größerer Homogenität, wird gesucht. Die Hälfte der 2010 bestehenden Staaten hatte weniger als 7,1 Millionen Einwohner. Zwar war 1980 der Mittelwert mit 4,9 Millionen noch niedriger gewesen; wegen der gestiegenen Zahl der Staaten blieb der Anstieg der durchschnittlichen Einwohnerzahl jedoch hinter dem der Weltbevölkerung zurück. Scheidungen gab es am laufenden Band: blutige wie im Sudan und in Jugoslawien, friedliche wie in der Tschechoslowakei. Von freiwilligen Zusammenschlüssen – von Italien, Spanien und Portugal zu Latino-Mediterranien, von Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland zu Groß-Skandinavien, von Estland, Lettland und Litauen zu Ost-Baltistan – ist nichts bekannt.