Es ist ein nicht immer sympathischer, aber durchaus cleverer Wesenszug der Schweizer: Sie stehen lieber etwas abseits, warten, was die anderen machen – und bewegen sich, wenn überhaupt, erst dann. So blieb ihnen und ihrem Land einiges erspart: Viel Ärgerliches, manch Schlimmes – aber die Schweiz hat auch immer mal wieder etwas Wichtiges verpasst.

Wie in diesen Tagen, Wochen, Monaten wieder, in denen Europa seine Renaissance feiert.

Es war im Dezember, da gewann in Österreich ein knorriger Wirtschaftsprofessor überraschend die Wahl um das Amt des Bundespräsidenten. Es war im März, da durfte sich ein junger Beau in den Niederlanden als Wahlsieger feiern lassen. Und es war am vergangenen Sonntag, als ein ehrgeiziger Start-up-Politiker die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen für sich entschied.

Was die drei Herren verbindet? Sie machten mit Europa Politik – und hatten damit Erfolg.

Klar, Vergleiche hinken immer. Keine Frage, die Politik in Wien, Den Haag und Paris folgt anderen Regeln als in Bern. Alexander van der Bellen, Jesse Klaver und Emmanuel Macron profitieren alle von einer Politikverdrossenheit in ihren Ländern, die man in der Schweiz in diesem Ausmaß nicht kennt.

In Österreich hatte eine Mehrheit genug vom rot-schwarzen Machtklüngel und wandte sich dennoch nicht der polternden FPÖ zu. In den Niederlanden war die Zeit reif für einen Anti-Geert-Wilders. Und die Franzosen würden ihre ganze politische Elite am liebsten zum Teufel jagen, haben sich aber – vorerst – nicht für die blonde Beelzebübin, sondern für einen jugendlichen Versöhner entschieden, der das Land einen will.

Trotzdem könnten die Schweizer Politiker von ihren neuen Kollegen etwas lernen.

Nicht nur, dass eine Volkspartei wie der Parti socialiste regelrecht implodieren kann. Oder dass der Front National in seiner Wort- und Bildwahl die SVP kopiert. Nein, die europäische Renaissance sollte den Schweizern zeigen: Europa funktioniert. Nicht als Chiffre oder als Feindbild, nicht als neues Moskau, wohin man seine Gegner am liebsten verbannen würde, sondern als politisches Programm. Ja, die EU ist für viele Wähler kein gurkenkrümmungsmessendes Bürokratie-Monster, welches das nationale Ich bis zur Unkenntlichkeit durchregulieren und vereinheitlichen will – die Union ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.