"Es klingt, als würde Stoff zerreißen", schreibt Helen Macdonald über das Zischen, das ein im Sturzflug auf seine Beute zurasender Falke verursacht. "Während der Vogel durch die Luft messert, durchschießt den Beobachter ein Adrenalinrausch, den er höchstens von Flugschauen oder Formel-1-Rennen kennt." Wanderfalken erreichen im Sturzflug eine Geschwindigkeit von über 300 Stundenkilometern, lernt man in diesem falkenverliebten und auch sprachlich schnittigen Tierporträt. Man muss kein Formel-1-Fan sein, um zu begreifen, was Helen Macdonald an diesem superlativischen Vogel findet: Der Falke ist ein atemberaubend schneller und scharfsichtiger Jäger, als "nobles Tier" weist er eine jahrtausendealte Faszinationsgeschichte auf, von der Kragentrappen und Wühlmäuse (beide auf dem Speiseplan der Gattung "Falco") nur träumen können.

Nach einer sorgsamen Einführung in die Biologie des Jägers macht sich die Autorin, die in Cambridge zur Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaft forscht, auf die Spur der Mensch-Falke-Beziehung: Macdonald führt vom falkenköpfigen Horus-Gott der Ägypter über den Stauferkaiser Friedrich II., prominentester Falkner des Mittelalters, bis zu Züchtern des 20. Jahrhunderts, die den Vogel vor dem Aussterben retteten. In der Tradition des nature writing hat Macdonald beides im Blick, die wirkmächtige Falkensymbolik als auch die lebenden, brütenden und Beute machenden Vögel. Keine Taube, erklärt sie, verfiele der Illusion, der Falke sei ein leerer Signifikant, der erst vom Menschen Bedeutung erhielt. Auch gilt: Die Natur dient dem Menschen als Spiegel; was wir wilden Tieren zuschreiben, hat etwas mit uns selbst zu tun.

Das menschliche Selbst – genauer: ihr eigenes – hat Helen Macdonald vor drei Jahren in ihrem Buch H wie Habicht erforscht, einem obsessiven Greifvogel-Protokoll, mit dem sie bekannt wurde. Nach dem Tod ihres Vaters zieht sie sich völlig zurück, um den Habicht Mabel zu zähmen, während sie selbst, von unerträglicher Trauer gepackt, immer mehr verwildert. Falke dagegen, im Original bereits 2006 erschienen, hat einen stärker kulturgeschichtlichen Duktus. Dass die Autorin als Falknerin gearbeitet hat, erleichtert den Einblick im Kapitel zur Tier-Mensch-Beziehung, die wie eine Fetischwelt erscheint – mit Ledergeschirren, sichtverdeckenden Hauben, Federspielen, Beinriemen. Von den erotischen Komponenten abgesehen – Falkner beschreiben sich gern als Sklaven ihrer Falkenweibchen –, war die Beizjagd eine luxuriöse Kulturtechnik und versprach Distinktionsgewinn. Es sei "ein Niemand, wer in der Saison keinen Greifvogel auf der Faust trägt", hielt der Oxford Gelehrte Robert Burton im 17. Jahrhundert fest.

Was hat es damit auf sich, dass der Falke als "natürlicher Aristokrat" verehrt wurde? Macdonald belegt, wie die Falkenverehrung zur Naturalisierung von Hierarchien benutzt wurde. Im Adel des Tierreichs spiegelte sich der menschliche Adel. Überhaupt ist Naturalisierung ein zentrales Stichwort in dieser Tierbiografie, die ohne Theorie-Keulen zeigt, dass Natur vor allem kultureller Fetisch ist. Man braucht nur an die Latexhüte zu denken, mit denen Falkenzüchter ihre sexuell auf Menschen geprägten Tiere zum Kopulieren bringen. Die Wiederaufzucht schrumpfender Falkenbestände führt das Menschengemachte der Natur vor Augen: Nachdem die Wanderfalken in den 1960er Jahren durch Pestizide beinahe ausgerottet worden waren, entwickelten die Ornithologen des US-amerikanischen Peregrine Fund neue Zucht- und Auswilderungsmethoden, um den Bestand wieder aufzustocken. Unter anderem nahm man Weibchen die dünnschaligen Eier weg und brütete sie im Brutschrank aus. So gesehen, haben die heutigen Wanderfalken mit unberührter Wildnis nichts mehr zu tun; dazu kommt eine fast cyborghafte Aufrüstung der Tiere mit Funksendern und Minisatelliten.

Am aufschlussreichsten ist das Tierporträt, wenn es um die "militärischen Falken" des 20. Jahrhunderts geht. Das Image vom Falken als Flieger-Ass half dabei, den Vogel in "einen aparten symbolischen Doppelgänger des Piloten" zu verwandeln. Tatsächlich sind die metaphorischen Möglichkeiten, die sich zwischen Falken, Fliegern und Kampfflugzeugen ergeben, schier unendlich – von der U. S. Air Force, die den Wanderfalken in den fünfziger Jahren zum offiziellen Maskottchen machte, bis zum Kampfjet "F-16 Fighting Falcon", dessen Ingenieure sich angeblich vom Falkenflug inspirieren ließen. Falken wurden zur biologischen Entsprechung des Luftkriegs und Kampfpiloten zu vogelgleichen Aristokraten der Lüfte. Insofern gelingt Helen Macdonalds Falkenkulturgeschichte auch eine Art ideologischer Abrüstung: Diese Fliegerkulte nimmt sie so elegant und informiert auseinander, dass am Ende wieder ein faszinierendes Tier steht, ein Phönix aus der Asche gewissermaßen. Der ausnahmsweise mal kein Falke war.

Helen Macdonald: Falke. Biographie eines Räubers. A. d. Engl. v. Frank Sievers; Verlag C. H. Beck, München 2017; 240 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 €