Andreas Schwiede, den ich unter dem Namen @poliauwei kennenlernte, fiel mir auf, als er über einen Fahrlehrer im Halteverbot twitterte. Unter das Foto eines weißen VW auf einem Radweg schrieb er: "Zum Glück war gerade Theorieunterricht, als ich den 'Fahrlehrer' auffordern musste, den Wagen umzuparken, vor den Fahrschülern. ECHT PEINLICH!"

Ich scrollte nach unten, durch 2.451 Tweets, die @poliauwei seit Mai vergangenen Jahres abgesetzt hatte, sieben pro Tag also, um zehn Uhr morgens, um neun Uhr abends, um vier Uhr früh. Ich bestaunte Trophäen eines Ein-Mann-Feldzuges gegen das Falschparken: einen Porsche, der an den Krallen eines Schleppers zappelt ("An den Fahrer, der auf dem Radweg geparkt hat – Alarmanlage funktioniert prima, hupt und blinkt beim Abheben"), einen Bootsanhänger in einer Villengegend auf dem Fahrradstreifen ("Mein Haus, mein Boot, meine Straße"), eine Menschenmenge, die beim Abschleppen zuschaut ("Besser als Kino").

Und ich stieß auf eine dadaistische, in hellem Zorn geschriebene, "frei erfundene, erstunken und erlogene" Kurzgeschichte über einen Geheimagenten namens James Blöd, der sich als Waschmittelvertreter aus Düsseldorf tarnt. Mr. Blöd stellte seinen BMW X6 vor einem Kreuzberger Billighotel ins Halteverbot und wurde von der Fahrradstaffel der Polizei an seinem Akzent enttarnt. BMW X6, so erfährt der Leser, steht für: "Blöder Macho Wichser der mit X-beliebigen 6 macht".

Wer verbirgt sich hinter @poliauwei?

An einem Abend im Februar verteilt ein kleiner Mann mit großer Nase Papierzettel mit Gerichtsurteilen und Telefonnummern der Berliner Polizeiabschnitte. Er verteilt sie an 18 schwitzende Menschen in Fleecepullover und Funktionswäsche, wir befinden uns in einer Filiale des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. Der Mann heißt Andreas Schwiede und ist 55 Jahre alt. Er hat ein hungriges Kinn, das sich wie gegen einen starken Wind reckt. Schwiede berlinert gewerkschaftermäßig los: "Wer von euch hat schon mal wegen eines Falschparkers die Polizei gerufen?" Eine Hand geht zögerlich nach oben. Einer raunt: "Wirklich, die 110?" – "Jahaaa", macht Schwiede verschwörerisch und schaut dann entschlossen: "Bei Not oder Gefahr."

Und dann predigt er wie ein Hirte zu einer Herde ahnungsloser Schafe, achtzig Minuten, hundert Minuten, zwei Stunden. Die Predigt geht so: Die Verkehrsordnung, ein Gebilde zum Schutz der Schwachen, ist bedroht. Es geht um Gerechtigkeit, darum, die Welt zu verbessern, darum, dass sich hier Einzelne auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, dass sich Autofahrer jahrelang widerrechtlich den öffentlichen Raum angeeignet haben und Polizei und Ordnungsamt zu wenig dagegen unternehmen.

Schwiede redet gerne, ausführlich, manchmal verläuft er sich in einer Anekdote. Die Tochter seiner Freundin, für die er eine Art Ziehvater ist, nannte ihn früher "Plapi", ein Papi, der viel redet. Seine Kunden, die er als Stadtführer ans Brandenburger Tor (Rentner) oder an die Drehorte von Berlin – Tag und Nacht (Schulklassen) führt, attestieren ihm kabarettistisches Talent, darauf ist er stolz. Schwiede ist in Berlin-Schöneberg geboren und aufgewachsen, er liebt seine Stadt für ihre Vielfalt, die dauernde Veränderung, doch verzweifelt er manchmal an ihren Bewohnern, den Idioten, die Dreck und Lärm verursachen, die sich nehmen, was ihnen nicht zusteht, den Politikern, die eine schwachsinnige Autobahn durch die Stadt bauen und dafür Kleingärten plattmachen.

Vor gut zehn Jahren begann Schwiede sich zu wehren. Es fing an mit zugeparkten Reisebusparkplätzen, für einen Stadtführer ein Ärgernis, dann kamen Busspuren dazu, auf Twitter entdeckte er das Potenzial der Fahrradwege. Seit zehn Jahren überwacht Schwiede Falschparkerhotspots, fordert per 110 Streifen an und diskutiert so lange, bis abgeschleppt wird. Zu seinen besten Zeiten investierte er täglich vier Stunden in seine persönliche Parkraumüberwachung.

An diesem Februarabend beim ADFC soll eine Bewegung entstehen. Schwiede möchte, dass es ihm Menschen gleichtun. Dazu hat er eine Anleitung verfasst und ins Netz getwittert. Er sagt: "Ich kann ja nicht überall Autos abschleppen lassen."

Das Dilemma ist: Wenn er es nicht macht, macht es keiner. Denn wer tut sich so etwas freiwillig an? Mit Polizisten streiten, sich mit Falschparkern anlegen?

Zwei Wochen später brüllt eine junge Mutter aus dem Parkverbot. Sie schreit unseren Fotografen an: "Hast du mein Kind fotografiert?! Bist du pervers!?" Sie schreit Schwiede an: "Was hast du davon, dass du das machst!? Hat die Polizei nichts Besseres zu tun!?" Ihr schwarzer Hyundai rauscht von der Busspur.