Als der Brustkorb mit der Rippenschere geöffnet und jede Rippe beiseitegeschoben ist, liegen die beiden Lungenflügel ungeschützt da. Kaum größer als eine Menschenhand, glänzen sie im Licht der Leuchten. Im gekachelten Obduktionsraum beugt sich Michael Tsokos über den offenen Oberkörper des Toten. "Hier", sagt er mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon mehr als 20.000 Leichen gesehen hat, "die schwarzen Pigmente auf der Lunge, das ist Kohlenstaub." Unzählige kleine Punkte bedecken das Rot der Lunge, dicht an dicht wie auf der Haut einer Forelle.

"War das ein Raucher?", fragt Michael Tsokos, der Leiter der Rechtsmedizin der Charité Berlin. Seine Mitarbeiterin greift nach dem Handgelenk der Leiche und begutachtet die Fingerkuppen. Wenn alles Blut aus ihnen gewichen ist, bleibt bei den Fingern von Rauchern das Gelb des Nikotins, bei Nichtrauchern werden sie einfach nur blass – der Mann auf dem Obduktionstisch war ein Nichtraucher. Die schwarzen Staubablagerungen sind anders in seine Lunge gelangt: beim ganz normalen Atmen.

Mit jedem Atemzug saugt ein erwachsener Mensch etwa einen halben Liter Luft ein. Sie strömt durch die Luftröhre in die Lunge, füllt die Lungenbläschen und wird dann wieder ausgeatmet. Die Luft bringt Sauerstoff in den Körper, die Grundlage menschlichen Lebens. Aber mit ihr kommen auch Schadstoffe, Ruß, Abgase, Gummi, Pollen, Sand, Millionen winziger, schwebender Partikel. Diese Teilchen, die so klein sind, dass der Mensch sie unbemerkt einatmet, nennt man Feinstaub. Sie färben jede Lunge dunkel.

Die Lunge eines Menschen, der sein Leben in einer Großstadt verbracht hat, sei von der eines Menschen, der sein Leben lang geraucht hat, nicht zu unterscheiden, sagt Michael Tsokos.

Auf wenige Dinge reagieren die Deutschen so empfindlich wie auf Gesundheitsgefahren aus der Umwelt. Dioxin im Ei, Antibiotika im Fleisch, Ehec an den Gurken – jedes Mal ist die Aufregung groß, in Nachrichten und Talkshows fällt das Wort Skandal.

Beim Feinstaub, bei der Luft, die wir atmen, ist das anders: Als die baden-württembergische Landesregierung kürzlich ankündigte, vom kommenden Jahr an Stuttgarts Innenstadt bei hohen Feinstaubwerten für Dieselautos zu sperren, war die Aufregung ebenfalls groß – allerdings nicht wegen des Feinstaubs, sondern wegen des Fahrverbots. "Skandal", schrieb das manager magazin. Der Vorstandschef von Daimler sah den "Wirtschaftsstandort Stuttgart" in Gefahr. Und als Umweltbundesamt wie Grüne für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern zum "Autofasten" aufriefen, druckten die Stuttgarter Nachrichten eine Liste der "kuriosesten Vorschläge" aus den Reihen der Öko-Partei: "Autofasten, Duz-Pflicht, Sex-Hilfe, Fahnen-Verbot".

Dann verflüchtigte sich das Thema wieder aus dem Bewusstsein der Bürger.

In den Studien von Wissenschaftlern aber bleibt es sehr präsent. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur bringt Feinstaub in Deutschland jedes Jahr mehrere Zehntausend Menschen vorzeitig ins Grab. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit mehr Menschen durch verschmutzte Luft als durch verschmutztes Wasser oder Tropenkrankheiten wie Malaria.

Feinstaub bildet sich bei der Verbrennung von Diesel, Kohle oder Holz sowie bei der Reaktion von Gasen. Winzige Teilchen entstehen, die größten haben einen Durchmesser von 10 Mikrometern, das sind 0,001 Zentimeter, etwa ein Zehntel des Durchmessers eines Haares. Stellt man sich das menschliche Haar als eine zwei Meter dicke Säule vor, wären diese Feinstaubpartikel so groß wie ein Fußball. Sie sind für das menschliche Auge nicht zu erkennen.

Und so hat in der Rechtsmedizin der Charité Berlin eine Erkundung des Unsichtbaren begonnen. Quer durch Deutschland wird sie führen, in Waldgebiete und zu einem Großflughafen und hinaus aufs Land, in die Nähe von Oldenburg, wo die Feinstaubwerte seltsamerweise so hoch sind wie in der Großstadt. Die nächste Station aber ist ein Funktionsbau der Universität Düsseldorf, wo Barbara Hoffmann in ihrem Büro in der zweiten Etage eine Linie auf ein Blatt Papier zeichnet.

Hoffmann gehört zu den führenden Umweltmedizinern Europas. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage: Was macht der Feinstaub mit dem Menschen?

Hoffmann zeigt auf das Papier und die Linie, die sie gezogen hat. Sie will den Zusammenhang verdeutlichen zwischen Feinstaubbelastung und Bluthochdruck. Unten links, wo die Linie beginnt, ist die Luft sauber, und die Wahrscheinlichkeit, an Bluthochdruck zu erkranken, ist gering. Oben rechts, wo sie endet, ist die Feinstaubbelastung höher, die Gefahr des Bluthochdrucks größer. Die Verbindung, sagt Hoffmann, sei eindeutig.