Was erwartet die Hamburger, wenn Anfang Juli zum Treffen der Regierungschefs der G20 Protest- und Krawallaktivisten aus halb Europa anreisen? Und was wollen die Demonstranten? Drei Vertreter linker Organisationen sitzen am Konferenztisch in der ZEIT-Redaktion, um diese Fragen zu beantworten: Emily Laquer von der Interventionistischen Linken und Thomas Eberhardt-Köster von Attac planen Blockaden und einen "Gegengipfel" sowie eine Demonstration am letzten Tag der Konferenz, Christoph Bautz von Campact ruft zusammen mit etlichen weiteren Organisationen zu Demonstrationen auf, die schon vorbei sein sollen, wenn der Gipfel beginnt. Nicht dabei: die Autonomen. Sie wollten nicht.

DIE ZEIT: Frau Laquer, Sie wollen mit Ihrer Organisation Interventionistische Linke während des G20-Gipfels die Hamburger Innenstadt blockieren. Wozu?

Emily Laquer: Wir wollen, dass die Bilder des Protests um die Welt gehen, dass dieser G20-Gipfel nicht erwähnt werden kann ohne die Hinweise, alle Zufahrtswege waren verstopft, und es kam kein Catering rein.

Emily Laquer von der Interventionistischen Linken führt die Übel der Welt auf den Kapitalismus zurück und will die G20 blockieren © David Maupilé für DIE ZEIT

ZEIT: Warum wird die Welt besser, wenn die Staatsführer nach dem Gipfel abreisen, ohne miteinander geredet oder gegessen zu haben?

Laquer: An der Politik der G20 ist nichts Gutes, sie haben alle großen sozialen Probleme unserer Zeit verursacht. Von denen kann man keine Lösung der Problem erwarten, und deshalb muss man sich diesem Treffen in den Weg stellen.

Christoph Bautz: Aber wer soll denn dann die Lösung der Probleme bringen?

Laquer: Wir! Die sozialen Bewegungen.

Bautz: Nein, es braucht beides, Menschen auf der Straße und politische Mehrheiten in den Parlamenten. Es nur von der Straße her erzwingen zu wollen ist antidemokratisch.

ZEIT: Was wollen Sie und Campact denn erreichen, Herr Bautz?

Bautz: Ich wünsche mir für diese Tage in Hamburg, dass Alternativen zur neoliberalen Politik der G20 deutlich werden, auch in den Bildern, die entstehen. Doch für uns ist auch klar: Es ist wichtig, dass Staatenlenker miteinander reden. Bei den G20 sind Brasilien, Russland, Indien, China beteiligt, das ist ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den G7 und G8, wo nur ein kleiner Kreis Politik für die Welt machen wollte. Und darum wäre ein blockiertes Hamburg, wo im Extremfall die Staatenlenker nicht mehr miteinander reden können, das falsche Bild.

Christoph Bautz von der Internetgruppe Campact schätzt breite Bündnisse und will Mehrheiten für eine antineoliberale Politik gewinnen. © David Maupilé für DIE ZEIT

Laquer: Wir bekommen die bestehenden Gewaltverhältnisse nicht weg, wenn wir nur "Bitte, bitte" sagen und mit Transparenten um die Alster stehen.

ZEIT: Harmlose Bittsteller gegen antidemokratische Blockierer – so ganz grün sind Sie einander nicht. Wer von Ihnen dreien würde denn die anderen überhaupt als Verbündete bezeichnen?

Thomas Eberhardt-Köster: Wir sind verschiedene Akteure, die teilweise was zusammen machen und teilweise ihre eigene Agenda haben. Das ist auch gut so. Wir von Attac setzen auf einen Dreiklang bei den Protesten. Wir wollen Kritik an den G20 formulieren und Alternativen aufzeigen, mit zivilem Ungehorsam ihre Machtinszenierung durchkreuzen und mit einer Großdemonstration massenhaften Protest auf die Straße bringen.

Thomas Eberhardt-Köster von Attac hält die G20 für Interessenvertreter der Reichen im Kampf gegen die Länder des Südens. © David Maupilé für DIE ZEIT

Laquer: Wir stehen alle auf der guten und richtigen Seite der Geschichte. Uns trennt die Analyse, was von den G20 zu erwarten ist. Als Interventionistische Linke sagen wir: An die G20 kann man nicht appellieren. Die müssen gestürzt werden.

ZEIT: Sie beschreiben die G20, als sei das ein Kollektiv. Es sind aber Staaten darunter, die kurz davor stehen, gegeneinander in den Krieg zu ziehen.

Laquer: Natürlich streiten die sich untereinander, aber da geht es nur um nationale versus transnationale kapitalistische Politik.

Eberhardt-Köster: Die sind sich relativ einig, wo gemeinsame Interessen verteidigt werden, nämlich in einer Strategie gegen die Länder des Südens. Insgesamt machen die G20 aber vor allem eine Politik im Interesse jenes einen Prozents der Vermögenden, denen die Hälfte des Weltvermögens gehört.

Bautz: "Die da oben machen alles falsch", so kann man nicht argumentieren. Das ist bloß Wasser auf die Mühlen der Rechten, die das ja auch behaupten.

ZEIT: Frau Laquer sieht sich auf der guten und richtigen Seite der Geschichte. Herr Eberhardt-Köster glaubt, dass er gegen einen Gegner antritt, der Politik für Reiche macht. Aber selbst Semi-Demokraten wie Erdoğan und Trump haben zu Hause gut die Hälfte der Bürger hinter sich. Wie viele hat Ihre Interventionistische Linke hinter sich, Frau Laquer?

Laquer: Donald Trump hat nicht die Mehrheit der Stimmen gewonnen, auch das Erdoğan-Referendum ist ganz knapp ausgegangen, und das mit Wahlbetrug und einer massiven Einschüchterung der Opposition.