Harriet Bridgemans Lebenswerk kann man täglich begegnen. Auf dem T-Shirt, das die zerfließenden Zifferblätter von Salvador Dalís Uhren zeigt. Auf dem Kalender mit den Fotos des "Summer of Love" im hippieseligen San Francisco, 1967. Auf Bestsellern wie Donna Tartts Der Distelfink, die auf ihren Covern Kunstwerke zeigen. Auf der Glückwunschkarte mit der Abbildung von Gustav Klimts Goldener Frau. Klein gedruckt, auf der Rückseite, steht "Bridgeman Art Library".

Harriet Bridgeman hat überall ihre Finger drin. Man vermutet: eine Art Weltkonzern mit nobler Firmenzentrale. Und dann steht man in einer Londoner Nebenstraße, abseits des noblen Notting Hill. Ein dreistöckiges Geschäftshaus, im Erdgeschoss die wahrscheinlich bestgetarnte Schatzkammer der Welt. Drinnen stolpert der Besucher in eine Ansammlung von leicht angeranzten Schreibtischen, Computern – Ende. Hat man sich in der Tür geirrt?

"Hello, I am Harriet." Lady Harriet Bridgeman ist 75 Jahre alt, und sie ist eindeutig die Chefin hier. Zweierlei an ihr fällt auf. Die imposante Nase und der amüsierte Blick, der mitteilt: Stimmt, ich wurde mal von der Queen zum "Commander of the British Empire" ernannt – aber entspann dich, Liebes, das spielt keine Rolle. Die Augen: eher ein Monet-Blau als ein Yves-Klein-Blau. Das Haar aschblond gefärbt, die Hose schwarz, der Gehrock aus dunkelblauem Bouclé – so pflügt sie schnellen Schrittes durch ihre bescheidene Zentrale. Hier den Mitarbeiter Peter nach einer Konferenz fragend, bei der es um die Zusammenarbeit mit Google gehen wird, dort nachfassend, ob die Anfrage der Mellon Collection in Yale abgewickelt worden sei. Alles in vollkommen unchefiger Attitüde, unterlegt von Autorität.

Sie erteilt Lizenzen für mehr als drei Millionen Kunstwerke

Bridgemans Metier ist der Hunger nach Bildern, längst ein globales Geschäft. Kunst – ob Ölgemälde, Zeichnung oder Lithografie – unterliegt dem Schutz für geistiges Eigentum. Das heißt, niemand darf sie ohne Erlaubnis kopieren, nachdrucken, hochladen oder verändern. Bridgemans Firma, die Bridgeman Art Library, treibt Handel mit Bildern und mit dem Recht, sie zu benutzen, seit 45 Jahren. Sie erteilt Lizenzen für mehr als drei Millionen Kunstwerke, über den Globus verstreut. Längst ist das Geschäftsfeld über die Kunst hinausgewachsen. Bridgemans Archiv birgt zusätzlich rund 750.000 historische Aufnahmen, also Fotos zur Zeit-, Literatur- und Sozialgeschichte, sowie Filmmaterial für Dokumentationen und Serien. Magazine, Buchverlage, Forschungsinstitute – selbst die Drehbuchautoren von Fluch der Karibik verließen sich auf Bridgemans Service in der Londoner Garway Road.

Kurz mal hineingehört, was heute gefragt ist: Da möchte jemand wissen, in welchen Museen die verschiedenen Versionen von Edvard Munchs Der Schrei hängen. Vor 65 Jahren wurde Der alte Mann und das Meer veröffentlicht – haben Sie Fotos von Hemingway auf einem Boot? Hundert Jahre Russische Revolution, 8. März 1917: Wir suchen ein Poster mit einer Lenin-Figur, aber bitte in Rot. Gibt es alles, lässt sich alles finden, dank einer perfekt verschlagworteten Digitaldatei.

Bridgeman deutet auf deckenhohe Metallschränke mit Karteikästen mit Diapositiven. Es ist die historische Urzelle des Geschäfts, technisch längst überholt. Diapositive sind heute nur noch in Ausnahmefällen gefragt, beispielsweise für Spezialkataloge oder Leuchtflächen für Werbung, die eine besonders differenzierte Wiedergabe verlangen.

In Bridgemans winzigem Büro wartet keine silberne Teekanne auf Mahagoni, hängen keine Ahnenporträts. Stattdessen umgibt sich Lady Harriet mit einem Teil ihrer eigenen Kunstsammlung, darunter eine gerahmte Unterhose des zeitgenössischen Künstlers Peter Blake und eine Arbeit der Malerin Vanessa Bell, der Schwester von Virginia Woolf, die zu einer legendären Crew von Literaten, Künstlern und Intellektuellen zählte. "Ich bewundere die Künstler der Bloomsbury Group", sagt Bridgeman. Konzept- oder abstrakte Kunst seien dagegen eher nichts, was sie sammle. "Ich unterstütze aber auch Künstler wie Maggi Hambling, die kürzlich eine Ausstellung hatte im British Museum." Innerhalb weniger Minuten vermittelt Bridgeman den Eindruck, mit allen britischen Künstlern befreundet zu sein, die in der jüngeren Zeit eine Rolle spielten. Und dass ein Original eine andere Aura besitzt als eine Reproduktion, das liegt wohl nirgendwo so nahe wie hier, in jenem Archiv, das davon lebt, Kunst millionenfach zu vervielfältigen.