Das Dorf Dhasai liegt im indischen Bundesstaat Maharashtra, etwa 140 Kilometer östlich der Küstenmetropole Mumbai. Die Exkursion führt zum Tante-Emma-Laden des Ortes, und das Lernziel ist der richtige Gebrauch eines Stücks Plastik. Vor ihrem Aufbruch in der Schule bekommen die Mädchen und Jungen aus Dhasai von ihrer Lehrerin einige Instruktionen. Dann geht es die staubige Hauptstraße hinauf in die Ortsmitte, wo das Geschäft von Swapnil Patkar liegt. Dort können die Dorfbewohner ihren kompletten Haushaltsbedarf decken: Haarwaschmittel, Kekse, Zucker, Kugelschreiber. Jedes der Kinder macht einen kleinen Einkauf – besonders beliebt ist bei ihnen Schokolade der Marke Cadbury. Aber die Schüler zahlen nicht mit ihrem Taschengeld. Sie zahlen mit einer Geldkarte, die ihre Lehrerin ihnen in die Hand gedrückt hat.

Der Ausflug ist Teil eines gewaltigen Reformprojekts, mit dem die indische Regierung die Wirtschaft des Landes umstülpen will. Seit Premierminister Narendra Modi im vergangenen November in einer beispiellosen Blitzaktion die 500- und 1.000-Rupien-Noten aus dem Verkehr gezogen hat, die mehr als 85 Prozent der zirkulierenden Geldmenge ausmachten, versucht Indien, den Zahlungsverkehr zu digitalisieren. Die entwerteten Scheine werden zwar durch neue ersetzt, aber das eigentliche Ziel ist es, die Rolle des Bargelds in der Wirtschaft stark zu reduzieren. In Werbekampagnen werden die Bürger vom Staat ermuntert, Bankkonten einzurichten, sich Kreditkarten zuzulegen oder ihre Rechnungen beim Alltagseinkauf mit Zahlungs-Apps via Smartphone zu begleichen. Ein Fernsehsender fordert seine Zuschauer auf, ihren Hausangestellten einen Tag freizugeben, damit sie ein Konto eröffnen können. Wirtschaftsstudenten schwärmen aus und erklären Leuten, die vor Geldautomaten Schlange stehen, wie man Überweisungen durchführt. "Finanzielle Alphabetisierung" ist zu einem Schlüsselwort im Vokabular der indischen Entwicklung geworden.

Das Regierungsprojekt cashless economy hat zwei Nahziele: Es soll die grassierende Korruption bekämpfen und die Steuerhinterziehung erschweren. Beide Phänomene profitieren von der Dominanz des Bargelds. Immobiliengeschäfte, bei denen Koffer voller Scheine den Besitzer wechseln, ohne dass die Transaktion irgendeine kontrollierbare Spur hinterlässt, sind zum Inbegriff einer wuchernden Schwarzgeldwirtschaft geworden. Aber bei der Reformanstrengung geht es um mehr: um eine Art befreienden Modernisierungsschock.

Kann das gelingen – in einem Land, in dem zwar die IT-Industrie auf den globalen Märkten des 21. Jahrhunderts konkurriert, aber zugleich zahllose Bauern und Tagelöhner in einer ökonomischen Vorzeit leben? In den bürgerlichen Wohnvierteln von Delhi und anderen großen Städten sind die Zukunftsideen und das ganze technokratische Weltbild des Premierministers hochpopulär: So will das aufstrebende Indien sein und in der Welt gesehen werden. Aber was man nach internationalen Standards eine "Mittelschicht" nennen kann, das gut ausgebildete, kaufkräftige, selbstbewusste Segment der Bevölkerung, ist immer noch eine kleine Minderheit im Land: vielleicht 30 bis 40 Millionen von über 1,2 Milliarden Menschen. Ist unter diesen Umständen der Traum von der Bargeldlosigkeit eine wegweisende Vision – oder eine Fantasterei der politischen Führung?

Die Schüler in Dhasai finden das Experiment mit dem Plastikgeld sichtlich spannend. Es soll einen Schneeballeffekt haben. "Die Kinder bringen den Umgang mit der Karte ihren Eltern bei", sagt der Ingenieur Ranjit Savarkar, der Initiator des Modellversuchs, Dhasai in ein "bargeldfreies Dorf" zu verwandeln. Er hat eine regionale Bank, die Bank of Baroda, dafür gewonnen, den Händlern im Ort die Kartenlesegeräte kostenlos zur Verfügung zu stellen. 65 Maschinen seien schon aufgestellt. In sechs bis acht Monaten, glaubt Savarkar, würden 50 Prozent der Einkäufe in Dhasai elektronisch bezahlt. Er hält es für eine Legende, dass die Armen und besonders die Analphabeten sich nicht auf moderne Technologie einlassen würden. Das Mobiltelefon, das sich in Indien in allen Schichten und Regionen durchgesetzt hat, schaffe die Voraussetzungen für die Digitalökonomie. "Jeder weiß, wie ein Passwort funktioniert", sagt er.

Millionen arme Inder besitzen mittlerweile eine Bankverbindung, nutzen sie aber so gut wie nie

Trotzdem ist der Weg zur "finanziellen Inklusion", wie das offizielle Ziel der Digitaloffensive lautet, für viele Inder unvorstellbar lang. Für den Korbflechter Pandurang Zugare zum Beispiel. Er wohnt in einem der kleinen Dörfer, deren Bewohner zum Markttag nach Dhasai kommen. Zugare gehört zu den Adivasi , das sind Stammesgemeinschaften indischer Ureinwohner, die viel von ihrer traditionellen Lebensweise bewahrt haben. Sie gelten aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft als rückständig. Die kleine Siedlung macht einen geschäftigen und keinen elenden Eindruck, überall schneiden und biegen Frauen und Männer Bambus. Am Ortsrand liegt eine Schule, die mit bunten Wandbildern wie aus einem Kinderbuch geschmückt ist. Ein Künstler hat sie vorgezeichnet, und die Eltern haben sie ausgemalt.