Uran, Polonium, Radium, das waren die fashionablen Elemente des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Röntgen entdeckte die Röntgen-Strahlen, Becquerel die Becquerel-Strahlen. Dank Michael Faraday wusste man so einiges über Spektrallinien. Auch ein gewisser William Crookes, Herausgeber der Chemical News und Mitglied der Royal Society, hantierte virtuos mit Kathoden, Vakuumkammern und Radiometern.

Auf der anderen Seite allerdings vermochte derselbe Crookes nicht zu sagen, in welchem Monat der Schwangerschaft seine Frau sich befand. Vielleicht, überlegt er in Christine Wunnickes Roman Katie, sollte er einfach das Medium Florence Cook befragen, das derzeit mit ihm und seiner siebenköpfigen Familie in seinem Londoner Haus wohnt. Telepathisch seien die Weiber naturgemäß alle ein wenig.

Was William Crookes ebenfalls gerne glaubt: dass dieser dreizehnjährigen Florence, wie so vielen Frauen, Schmerzen nicht unlieb sind. Das sei normal, bestätigt ihm auch der Arzt, und erleichtere später Empfängnis und Entbindung. Derselbe Arzt erklärt die zeitweilige Verwirrung von Crookes’ schwangerer Frau übrigens damit, dass sich in diesen Zeiten der Verwirrung eben das Gehirn des Kindes ausbilde und es dabei "sehr an der Mutter partizipiere".

So energisch also die Wissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Gestalt so besessener Forscher wie William Crookes daran arbeitet, Licht in die dunklen Kontinente unseres Unwissens zu tragen, so viel bleibt noch zu tun. Dazu passt es, dass eine Expedition der Royal Society nach Algerien jämmerlich scheitert, weil sich im entscheidenden Moment eine Wolke vor die Sonnenfinsternis schiebt. Auf der Rückfahrt versucht man sich unter Crookes’ Leitung aufzumuntern, indem man der neuen Mode des Tischerückens frönt. Denn wenn sich auch vieles erklären ließ, wenn Glühbirnen glimmten und Telegrafendrähte summten – das Bedürfnis nach Dingen, die fern aller Chemie und Physik lagen, schien eher noch zu wachsen. Und dieses Bedürfnis musste gestillt werden.

Hatte man wenig Neigung zu Molekülen und Mikroskopen, war man überhaupt eine Frau und ohne Perspektive außerhalb des häuslichen Herdes, wollte aber dennoch berühmt werden, so boten sich auf dem Feld des Spiritismus plötzlich Möglichkeiten. Und Florence Cook nutzte sie. Ein gewisses Talent als Entfesselungskünstlerin, eine Ader für die Ängste und Sehnsüchte ihrer Mitmenschen und eine gute Legende waren alles, was sie brauchte.

Wie auch William Crookes gab es diese Florence Cook wirklich. Und wenn Christine Wunnicke in ihrem Roman den beiden ausdrücklich dafür dankt, "dass sie mir ihre Lebensgeschichten überließen, damit ich sie auf das Respektloseste entstellen konnte", so hat ihr Roman doch nichts Fratzenhaftes. Im Gegenteil verbinden sich in ihm die widerstreitenden Kräfte von esoterischer Gespenstergläubigkeit und wahnhafter Faktenbesessenheit aufs Wunderschönste.

Dummerweise nämlich ist der zeugungsfreudige Crookes finanziell darauf angewiesen, Gutachten zu erstellen. Übersinnliche Phänomene, so unangenehm sie ihm vorderhand auch sind, bilden seine Existenzgrundlage. Als man ihn allerdings bittet, Florence Cook zu untersuchen und sie womöglich der Scharlatanerie zu überführen, ist es mit aller professionellen Distanz bald vorbei. Zu geschickt weiß sie ihre Knochen zu Wachs werden zu lassen, die Fesseln abzustreifen und als phosphorleuchtender Geist namens Katie um seine Schnurrbarthaare zu streifen. Katie, "dieses lüsterne, lächelnde, längst verblichene Ding", war die Tochter des berühmten Bukaniers Henry Morgan und im 17. Jahrhundert selbst Piratenkapitänin. Nicht umsonst hat Florence Admiral Smythes Wörterbuch der Seemannssprache auswendig gelernt und in Katie eine Wahlverwandte entdeckt. Auch Katie war es gelungen, die Grenzen, die ihrem Geschlecht gesteckt waren, zu überwinden. Jetzt machte sich Florence daran, gerade mit den Mitteln der Weiblichkeit ihren eigenen Weg zu finden.

Noch nie hatte er so "ungestört und geradezu öffentlich sanktioniert einen weiblichen Körper studieren dürfen", stellt ein Betrachter ihrer Geister-Show fest. Sehr selten bekommt man einen so hintersinnigen wie hochkomischen Roman zu lesen.

Christine Wunnicke: Katie. Berenberg Verlag, Berlin 2017; 176 S., 22,– €