Die Macht schmückt sich mit Bescheidenheit. In Pekings Verteidigungsministerium sitzt uns an einem langen Konferenztisch aus schwerem, poliertem Holz Oberstleutnant Wu Qian gegenüber. Tadellos gebügelte grüne Uniform, glänzendes Englisch, freundliches Lächeln. Was Chinas größte strategische Herausforderung sei, wollen wir von ihm wissen. Und Wu Qian, Sprecher des Ministeriums, antwortet: "Die Entwicklung unseres Landes."

Wie bitte? In Nordkorea beschafft sich ein unberechenbarer Jungdiktator Atomwaffen, die USA drohen mit einem Angriff, und für die Volksbefreiungsarmee ist die Entwicklung des eigenen Landes die größte Sorge?

Die Antwort des Offiziers ist nur auf den ersten Blick überraschend. Bei genauerer Betrachtung erscheint sie plausibel, gerade in der gegenwärtig so aufgeheizten Situation. Denn sollte der Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm zu einem Krieg eskalieren, wären die Erfolge von 40 Jahren chinesischer Reformpolitik in Gefahr. Deshalb sucht die Regierung in Peking nun den Schulterschluss mit dem großen geopolitischen Rivalen Amerika. Gemeinsam mit Washington will es den Frieden sichern. Gemeinsam mit Donald Trump. Ausgerechnet.

Wenn man in diesen Tagen Gespräche in Pekinger Ministerien führt, im Parlament am Platz des Himmlischen Friedens, in Universitäten und Thinktanks, kann man dem Umdenken nachspüren, das in der chinesischen Hauptstadt begonnen hat. Kein Zweifel: Die Kriegsgefahr in Ostasien verändert die politischen Frontstellungen.

Dies also hat Kim Jong Un, Nordkoreas Diktator, erreicht: Donald Trump und der chinesische Staatschef Xi Jinping stellen sich gemeinsam gegen ihn, den Provokateur.

China, tönte Trump im Wahlkampf, wolle er sich so richtig vorknöpfen

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf hörte sich alles noch ganz anders an. Die Chinesen seien die Schlimmsten, verkündete Donald Trump landauf, landab. Sie manipulierten ihre Währung, verschafften sich dadurch rücksichtslos Handelsvorteile und "vergewaltigten" so die US-Wirtschaft. China, tönte Trump, wolle er sich als Präsident richtig vorknöpfen.

Dann traf er Xi Jinping in Florida zum Staatsbesuch, und binnen Kurzem avancierte China vom Feind zum Partner. Nordkoreas Atomwaffenprogramm lässt sich nämlich nicht, das scheint Trump mittlerweile begriffen zu haben, mit ein paar Tomahawk-Marschflugkörpern aus der Welt schaffen. Das ginge nur mit einem richtigen Krieg – oder eben mit der Zusammenarbeit zwischen Peking und Washington.

An der zweiten Option arbeiten der amerikanische und der chinesische Präsident nun.

Als Trump seinem Gast in Florida beim Dinner mitteilte, er habe soeben den Befehl zum Abschuss von 59 Marschflugkörpern auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt Al-Schairat gegeben, ließ sich der Chinese die Nachricht zweimal übersetzen. Trump sagte nicht, so werde er es notfalls auch mit Nordkorea machen. Aber das könnte die indirekte Botschaft gewesen sein, die dabei mitschwang, und Xi hätte wohl keinen Dolmetscher benötigt, um sie zu verstehen.

Die beiden Präsidenten saßen insgesamt über sieben Stunden lang zusammen. Und eines hat Xi seinem Gastgeber offenbar klarmachen können: Das Nordkorea-Problem ist für den Weltfrieden noch bedrohlicher als der Syrienkrieg – und man wäre gut beraten, es gemeinsam zu lösen. Die Folgen falschen Handelns könnten katastrophal sein.

Natürlich war der Militärschlag gegen Syrien, während des Gastmahls in Florida gestartet, ein diplomatischer Affront – "ein Schlag ins Gesicht unseres Präsidenten", wie Teng Jianqun sagt, Direktor für Amerikastudien am Chinesischen Institut für Internationale Studien (CIIS) in Peking.

Trotzdem ist in Pekings Außenministerium kaum ein kritisches Wort über Trump zu vernehmen. Die Verachtung für den Jungdespoten in Pjöngjang verbindet. Als "kleiner fetter Kim" wurde Kim Jong Un in Chinas sozialen Medien verspottet. Die chinesische Zensur ließ sich viel Zeit, bis sie den Schmäh im Netz verbot.

"Unsere Positionen nähern sich einander an", sagt eine einflussreiche Abgeordnete im Nationalen Volkskongress, dem chinesischen Parlament. Wie die Vereinigten Staaten, so fordert auch China ein sofortiges Ende der nordkoreanischen Atomversuche und Raketentests. In scharfen Worten prangert es die "Provokationen" Pjöngjangs an und stimmt im UN-Sicherheitsrat für Sanktionen gegen den ehemaligen Verbündeten.