Read the English version of this article here

Es ist offenbar nicht ganz einfach, den Konservatismus in Deutschland zu retten. Angela Merkel hat es nie versucht, die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ist dabei gerade spektakulär gescheitert, und nur Horst Seehofer hält sich für den Einzigen, der es vielleicht noch einmal schaffen könnte. Warum ist das so? Warum hat Merkel den Konservatismus von Beginn an abgeschrieben? Und warum gelingt es der AfD nicht, das Terrain zu besetzen, das die CDU unter Schmerzen geräumt hat? Warum kann stattdessen Horst Seehofer seine CSU als letzten Hort des Konservatismus in der deutschen Politik platzieren? Er allein, aber keiner seiner potenziellen Nachfolger.

Bayern - Seehofer will politische Ämter weiterführen Horst Seehofer will seine Laufbahn als CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident fortsetzen. Vorangegangen waren Aussagen des 67-Jährigen, denen zufolge er seine politischen Ämter bald niederlegen wolle. © Foto: Christian Bruna/EPA/REX/Shutterstock

Frauke Petry ist sicher auch an persönlichen Unzulänglichkeiten gescheitert. Aber wenn man nach der politischen Ursache ihrer Entmachtung auf dem Kölner Parteitag fragt, dann war es ihr später Versuch, die AfD von ihrem fundamentaloppositionellen Kurs auf eine Art reaktionären Konservatismus zu verpflichten. Nicht, weil das schon immer Petrys Überzeugung entsprochen hätte, sondern weil ihr gedämmert haben muss, dass die ungebremste Dynamik der AfD die Partei immer weiter ins Radikale treibt. Und damit immer weiter weg von jeder Aussicht auf Macht.

An der Macht aber war Petry ebenso interessiert wie ihr Vorgänger Bernd Lucke, der auch einmal versucht hatte, rote Linien für seine Partei zu definieren und ihr das politische Terrain zuzuweisen, das die Union in den zurückliegenden Jahren aufgegeben hat. Es ist eine aparte Ironie, dass Petry jetzt genau an den Kräften gescheitert ist, derer sie sich selbst einst bediente, um Lucke scheitern zu lassen. Es sind eben die Kräfte, die verhindern, dass aus der AfD je eine seriöse konservative Partei werden kann. Ihr politisch-emotionaler Gründungsimpuls ist die Wut auf alles politisch Korrekte. Deshalb erscheint ihr jeder abstruse Radikalismus legitimer als der Versuch, ihn einzuschränken.

Die AfD ist eine sich entfesselnde Partei und damit so ziemlich das Gegenteil einer konservativen Kraft. Sie ist eine Partei des ersehnten Umsturzes. Dass sie sich dabei der Begriffe bedient, die einstmals das konservative Weltbild markierten – Familie, Volk und Vaterland – macht es nicht besser. Denn es sind keine Kategorien mehr, mit denen sich die Realität oder die Zukunft angemessen beschreiben ließen. Eher sind es nostalgische Reminiszenzen oder schlimmer: Kristallisationspunkte für Ressentiments – gegen die anderen Lebensentwürfe, die natürlich auch in der AfD um sich greifen, gegen die vielen Ausländer, die dem AfD-Vorsitzenden Meuthen das Heimatgefühl vergällen, gegen Europa.

Die enttäuschte Sehnsucht, die politisch nicht zu erfüllen ist, treibt die AfD ins Emotionale, Ideologische. Damit vollzieht sie den umgekehrten Prozess, den die CDU durchlaufen hat, die sich unter Angela Merkel immer mehr dem Sachlichen, Pragmatischen, Konsensualen verschrieb. Sicher fiel es einer in der DDR sozialisierten Politikerin besonders leicht, den Konservatismus der westdeutschen CDU beiseitezuschieben. Aber entscheidender als diese biografische Fremdheit war, dass sich die konservative Perspektive für Merkel nicht als hilfreich, sondern als hinderlich erwies. Sie fühlte sich für politische Antworten auf gesellschaftliche, ökonomische, globale Entwicklungen zuständig, sie suchte nach brauchbaren Lösungen – am Arbeitsmarkt, in den Kitas oder an den deutschen Grenzen. Sie wollte mit den Veränderungen Schritt halten, nicht die Verhältnisse konservieren oder gar zurückdrehen. Und je mehr die Konservativen mit Unbehagen auf Merkels unsentimentale Modernisierung reagierten, während sie selbst originäre Vorschläge schuldig blieben, desto marginaler wurden sie in der deutschen Politik.

In der Merkel-CDU war der Konservatismus zur Resignation verdammt. Das wurde zum emotionalen Gründungsmoment der AfD. Doch so wenig wie die CDU kann die AfD den Widerspruch zwischen dem konservativen Bedürfnis und den beschleunigten Verhältnissen ungeschehen machen. Selbst eine Partei wie die AfD muss in einer modernen Gesellschaft unter den Bedingungen von Emanzipation und Globalisierung agieren. Sich auf diese Realität einzulassen und zugleich die klassische Familie, die nationale Kontrolle oder eine von Fremden unbeschadete Heimat zu propagieren ist fast unmöglich. Man schlägt sich auf die eine oder auf die andere Seite. Merkel hat sich für den unsentimental-realistischen Kurs entschieden, bei der das konservative Bedürfnis auf der Strecke blieb. Die AfD huldigt den konservativen Wünschen, die aber ständig mit einer feindlich-fremden Umwelt kollidieren. Daher kommt der flackernde Missmut, den schon die Konservativen in der CDU ausstrahlten und der heute für die Atmosphäre in der AfD prägend geworden ist. Statt zum Erbe des Konservatismus entwickelt sie sich zur Partei eines wütenden, reaktionären Radikalismus.

Angela Merkel - "Kriminalität unter den Teppich kehren zu wollen, hat unglaublichen Schaden angerichtet" Die Bundeskanzlerin sagte, der islamistische Terror stelle viele europäische Länder vor eine Herausforderung. Die Silvesternacht 2015/2016 habe die Stimmung im Land verändert. © Foto: Friso Gentsch/dpa