DIE ZEIT: Herr Prenzel, bis vor Kurzem waren Sie Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Jetzt sind Sie wieder ein normaler Professor und müssen zurück in den Hörsaal ...

Manfred Prenzel: Darf! Ich darf zurück in den Hörsaal.

ZEIT: Sie legen diese Woche im Wissenschaftsrat ein Papier vor, das sich mit genau diesem Thema befasst: Hochschullehre. Die Universitäten halten die Einheit von Forschung und Lehre sehr hoch. Im Alltag aber ist die Lehre das vernachlässigte Stiefkind. Warum eigentlich?

Prenzel: Die Hochschulen haben in den letzten Jahrzehnten eine Aufgabenverschiebung erlebt. Forschung wurde zur Hauptaufgabe erklärt, indem man den Wettbewerb um Reputation und die besten Köpfe an das Einwerben von Drittmitteln geknüpft hat. Für die Lehre gibt es kein Anreizsystem.

ZEIT: Dachte man: Studierende unterrichten, das läuft halt so nebenbei?

Prenzel: Hochschullehre in Deutschland sah lange so aus: Wir bieten Zugang zu Informationen und Wissen, für den Rest sind die Studierenden verantwortlich. Man hatte eine hoch selektive und homogene Gruppe vor sich. Wer nicht gepasst hat, den hat man aus dem System fallen lassen. Es gab keinen Druck, sich zu überlegen: Was ist gute Hochschullehre? In den letzten Jahren hat sich das etwas geändert. Es gibt spezielle Fördertöpfe wie den "Qualitätspakt Lehre". Da sind schöne Pflänzchen gewachsen, aber einen großen Effekt in der Fläche gibt es nicht .

ZEIT: Wie kann man das ändern?

Prenzel: Wir sollten uns nicht nur auf die Qualität der Lehrveranstaltung fixieren. Es geht um viel mehr: Curricula, den Aufbau der Studienmodule, die Gestaltung von Prüfungen, bis hin zur Frage, wie man Studierende begleitet. Alle sagen immer, sie fänden das wichtig. Aber wie viel Zeit widmen die Wissenschaftler diesem Thema wirklich jede Woche?

ZEIT: Die meisten Professoren müssen neun Semesterwochenstunden lehren, der Rest bleibt der Forschung.

Prenzel: Genau. Mit dieser Quantifizierung senden die Hochschulen falsche Signale: als sei die Lehre nach neun Veranstaltungsstunden abgegolten. Wer einen Studiengang entwickelt, Lehrpläne oder gemeinsame Prüfungen konzipiert, muss honoriert werden.

ZEIT: Diskutiert wird, eine Art "Deutsche Lehrgemeinschaft" einzurichten, die lehrbezogene Vorhaben fördert. Was halten Sie davon?

Prenzel: Ich kann mir eine solche Einrichtung sehr gut vorstellen. Sie wäre ein klares Bekenntnis dazu, Innovationen und gute Konzepte in der Lehre zu fördern, etwa im Feld der Digitalisierung. Wissenschaftler könnten für ihre Vorhaben in der Lehre anerkannte Drittmittel einwerben. Damit könnte kompetente Lehre auch zu einem Leistungskriterium in Berufungsverfahren werden. In Zukunft sollte niemand mehr berufen werden, der sich nicht in der Lehre nachweislich qualifiziert, engagiert und gute Ideen entwickelt hat.

ZEIT: Die Wissenschaft wird stöhnen: Noch mehr Anträge schreiben, noch mehr Gutachten lesen ...

Prenzel: In der Forschung glauben wir an den Wettbewerb, warum sollte er nicht auch die Lehre verbessern? Man muss sich aber darüber im Klaren sein: Wenn wir mehr Zeit und Ressourcen in die Lehre investieren, wird das zulasten der Forschung gehen. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden.