Was treibt Professoren auf die Straße, die noch nie auf einer Demo waren? Warum pinseln Naturforscher Slogans auf Plakate, obwohl ihnen die Komplexität ihrer Arbeit sonst heilig ist? Weshalb halten Geisteswissenschaftler plötzlich Reden auf Marktplätzen?

Weltweit demonstrierten am Samstag Hunderttausende Forscher für die Freiheit der Wissenschaft, bei über 600 Marches for Science. In Berlin standen 11.000 Menschen vorm Brandenburger Tor, in Tübingen liefen über 2.000 mit, selbst auf Helgoland kamen 67 zusammen.

Dieser Aufstand der Verständigen zeigt, wie bedroht sich Wissenschaftler fühlen: von Donald Trump, der Forschern Geld streicht, wenn ihm deren Ergebnisse nicht passen; von Viktor Orbán, der eine liberale Universität aus Ungarn vertreiben will; von der Expertenverachtung, die selbst in Demokratien wächst, die durch Wissenschaft wohlhabend geworden sind. Da die Wissenschaft so global vernetzt ist wie nie, geht das alles auch Forscher in Deutschland an.

Die Science Marches waren beeindruckende Symbole der Selbstvergewisserung. Wissenschaftler haben erkannt, dass sie nach außen wehrhaft sein müssen, um nach innen wissenschaftlich bleiben zu können. Sie werden selbst politisch, politisieren aber nicht die Wissenschaft. Das rüstet sie für die Auseinandersetzung mit ihren Kritikern.

Die Macher der amerikanischen Science Marches gründen nun eine Bewegung; sie könnte weltweit wirksam werden. Die Forscher wollen die Öffentlichkeit als Verbündeten gewinnen und lernen dafür eine neue Sprache mit klaren Botschaften und großen Erzählungen. Das ist schwierig, aber jede Mühe wert. Manchmal klingen die Forscher noch überraschend unbekümmert ("Wissenschaft ist grenzenlos") oder erkenntnistheoretisch verkürzt ("Zu Fakten gibt es keine Alternative"). Doch meist wirken sie streitbar und optimistisch, wenn sie versprechen, Angst mit Fakten zu bekämpfen und für Freiheit, Gleichheit, Wissenschaft zu werben. Dieses Selbstbewusstsein ist wichtig: Nur eine selbstbewusste Wissenschaft erhält sich den Raum für die Selbstirritation – für den Zweifel, ohne den auch sie nicht existieren kann.

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