Ja, die Linken haben recht gehabt! Jetzt, da die Amerikaner tatsächlich so schlimm wirken, wie sie immer behauptet haben; jetzt, da alle sehen, welche sozialen Schäden der Neoliberalismus angerichtet hat; jetzt, da unübersehbar ist, dass ein ultrareicher globaler Geldadel mit seinen Billionen auf die Menschheit drückt. Ach, wie gern würde man die Linken loben, vielleicht sogar einer sein.

Allein, es geht nicht. Denn sie geistern im Gestern. Außenpolitisch kann man mit ihnen keine besonnene postamerikanische Politik entwickeln, weil sie so sehr im Antiamerikanismus feststecken, dass sie den Russen im Gegenzug alles verzeihen. Doch nicht nur hier zeigt die europäische Linke eine unheimliche Schwäche für den autoritären Nationalismus, nein, auch wenn es ans Eingemachte geht: um Europa. Labour-Chef Jeremy Corbyn geht nicht etwa mit einem klaren Bekenntnis zur EU in die vorgezogenen Wahlen, er setzt allen Ernstes darauf, die Tories da schlagen zu können, wo sie sich einfach besser auskennen: beim Nationalismus.

Und dann das französische Drama. Jean-Luc Mélenchon, Präsidentschaftskandidat der radikalen Linken, kann sich partout nicht dazu durchringen, seine Wähler zum Votum gegen Marine Le Pen aufzufordern. Kein Wunder vielleicht, schließlich ist er genauso EU-kritisch wie sie. Auch er präferiert die Nation als idealen Ort sozialer Gerechtigkeit und verachtet Europa als bloßes Gefäß des Neoliberalismus.

Sogar die deutsche Linke von Jakob Augstein bis Sahra Wagenknecht vergisst vor lauter Kritik am "neoliberalen" Emmanuel Macron, dass da ganz rechts ein Feind steht. Linken-Chef Riexinger twitterte: "Erleichterung ist fehl am Platze. Das 'kleinere Übel' kann nicht das Postulat für Wahlen in Europa sein." Ach so?! Wäre ihm eine Weimarer Konstellation lieber gewesen, wo am Ende zwischen ganz links und ganz rechts keine Mitte mehr übrig bleibt?

Vorwärts und alles vergessen, das scheint der linke Kampfruf zu sein, mit dem viele weit rechts landen. Dabei ist es so lange gar nicht her, dass der Nationalismus seine giftige Energie frei entfalten konnte, seine Illiberalität nach innen und seine kriegerische Dynamik nach außen.

Und der kleine Mann und die kleine Frau, um die es doch jetzt verschärft gehen sollte, wann haben die je vom autoritären Nationalismus profitiert? In den USA ist gerade sehr gut zu besichtigen, was autoritäre Führer machen, wenn sie auf den Schultern der Entrechteten an die Macht gekommen sind: Sie kürzen die Gesundheitsversorgung und entfesseln die Finanzmärkte. Und vor allem: Sie fangen umgehend an, die Demokratie zu demolieren.

Offenbar stecken die Linken immer noch in der neoliberalen Phase fest. Doch ist das Kapital, um in linker Diktion zu sprechen, längst nicht mehr eindeutig für Globalisierung und Liberalisierung, nein, immer mehr ganz Reiche haben sich dazu entschlossen, die obszönen Ungerechtigkeiten, deren Profiteure sie sind, mit autoritären Mitteln zu verteidigen. Sie benutzen den Nationalismus, um ihren Kapitalismus zu bewahren. Das gilt beileibe nicht mehr nur in Russland oder China, in den USA und in Großbritannien geht es in die gleiche Richtung. Und bald auch in Frankreich, wenn die historisch kopflose Linke bei der Stichwahl zu Hause bleibt.

Wenn es Macron mit dem Neoliberalismus übertreiben sollte (und ein kleines bisschen davon braucht Frankreich nun mal), dann können die Linken immer noch gegen ihn kämpfen. Aber wenn jetzt Le Pen gewinnt, die auf Abschottung setzt, wenn sie die EU zerstört, dann wird es nur Verlierer geben, auch unter Linken.

Die Linke kämpft von jeher für Gerechtigkeit, dafür verdient sie Respekt. Die Linke neigt jedoch immer auch zur Selbstgerechtigkeit, dafür verdient sie Prügel. Jedenfalls dann, wenn sie sich zwischen einem Sozialdemokraten und einer Rechtspopulistin, zwischen Nationalismus und EU, zwischen demokratisch und autoritär nicht zu entscheiden vermag.

Jeder Tag und jede Stunde, da die europäische Linke nun zögert und sich nicht unmissverständlich gegen Le Pen stellt, zerstört ihre Glaubwürdigkeit ein bisschen mehr. Denn wer zur Verteidigung der Demokratie nicht bereit ist, den kann man beim Kampf um die soziale Gerechtigkeit auch vergessen.

Vorwärts, Genossen, en marche!

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