Paul Theroux zieht am schnellsten. Kaum hat man ihm die Hand geschüttelt, schon feuert er Fragen ab: Wo in Deutschland leben Sie? Haben Sie Kinder? Wie viele? Wie alt? Er weiß natürlich, dass es eigentlich andersherum laufen sollte; dass es seine Rolle ist zu erzählen. Aber so tickt er nun mal: Fremde muss man ausfragen, dann erfährt man etwas von ihnen. So hat er es 50 Jahre lang gehalten, so ist er zum berühmtesten Reiseschriftsteller der Welt geworden. Immer neugierig, nur selten zufrieden, auf allen Kontinenten unterwegs, nirgendwo wirklich zu Hause. Wenn Theroux überhaupt so etwas wie eine Heimat gefunden hat, dann hier: in Haleiwa, einem kleinen Ort an der Nordküste von Oahu, in Hawaii. Er hat ein Haus in den Hügeln abseits des Dorfes, dort lebt er mit seiner Frau vom Herbst bis zum Frühling, sofern er nicht gerade wieder auf Reisen ist.

"Oceania Ranch" steht über dem großen Tor zum Grundstück. Dahinter gibt die Natur mit raumgreifendem Grün ihr Bestes. Nahe dem Eingang kämmt der Wind durch eine Bambusallee, deren mildes Rascheln allerdings bald übertönt wird durch das wilde Geschnatter von Therouxs vier Emder Gänsen, die aufgekratzt eine Runde drehen und dann hinter dem Haus verschwinden. Ein Holzhaus im japanischen Stil auf Stelzen und mit umlaufender Veranda. Es stand schon auf dem Gelände, als Theroux hier Anfang der neunziger Jahre einzog. Dann hat er noch ein zweites dazubauen lassen. Und zwei Pavillons, einen Hühnerzwinger, einen Ausguck. All das steht locker gestaffelt zwischen Rasenflächen, Avocados, Redwoods und reichlich rankenden Orchideen. Was für ein schöner Ort zum Zurückkehren – und zum Bleiben. "Je älter ich werde, desto tiefere Bedeutung bekommt der Trost des Zuhauses", heißt es in seinem neuen, eben erschienenen Buch Ein letztes Mal in Afrika.

Paul Theroux ist gerade 76 Jahre alt geworden. Ein letztes Mal in Afrika? Er war 22, als er für das US-Friedenscorps ins heutige Malawi ging und seine maßlose Hingabe an die weite Welt entdeckte. Das ungezähmte, offene Land begeisterte ihn, der Aufbruchswille der Menschen steckte ihn an. Er begann zu schreiben, Romane zunächst, hatte seinen Durchbruch aber erst mit The Great Railway Bazaar (1975), der eineinhalb Millionen Mal verkauften Schilderung einer bizarr zusammengestückelten Zugreise durch ganz Asien. Der Alte Patagonien-Express (1979) führte ihn vom Norden der USA bis in den Süden Argentiniens, später betrieb er Insel-Hopping im ganz großen Stil für Die glücklichen Inseln Ozeaniens (1992), nahm den Landweg von Gibraltar bis nach Marokko entlang An den Gestaden des Mittelmeers (1995) und schlug sich für Dark Star Safari (2003) von Kairo bis nach Kapstadt durch. Neben 16 Büchern von unterwegs hat er gut doppelt so viele Bände mit Romanen und Erzählungen veröffentlicht, doch sein Ruhm als Reiseschriftsteller überstrahlt das literarische Können. Kein anderer lebender Autor hat mehr Strecke und Stoff bewältigt. Keiner verknüpft ähnlich souverän Beobachtung, Begegnungen, Analyse, Schwärmerei und Ärger. Er nörgelt nonchalant, erduldet munter und bleibt auch dann noch Menschenfreund, wenn er nebenbei ganze Völker und Landstriche abkanzelt.

Das neue Buch aber klingt gefährlich nach Bilanz. "Ich will nicht mehr", heißt es schwer seufzend gegen Ende. Zum ersten Mal in seinem langen Reiseschriftstellerleben bricht er eine Tour weit vor dem geplanten Zielort ab. Und das ausgerechnet im verehrten Afrika.

Bevor also womöglich Schluss ist mit den Fernreiseabenteuern – ein Besuch in jener Ferne, die Theroux Zuhause nennt. Mit dem neuen Buch auf dem Tisch soll er noch einmal von seiner alten, leidenschaftlichen Liebe zur Fremde erzählen. Was sie aus einem macht. Wie sie einem abhandenkommen kann. Und ob all diejenigen arm dran sind, die sie nie erlebt haben.

Er trägt, gut hawaiianisch, Shorts und Poloshirt. Und bewegt sich behände, als liefe er auch hier latent im Reisemodus, sei jederzeit zum Aufbruch bereit. Seine Stimme rollt dunkel und melodiös, klingt dabei allerdings nie zurückgelehnt, wie sie es ja dürfte in seinem Alter, sondern immer vorwärtsdrängend, Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse unablässig nachladend.

Große Frage: Was haben Sie in der Ferne gelernt? Noch größere Antwort: Alles! Er muss ausholen. "Als junger Mann kam ich mir immer unbedeutend vor, als müsste ich erst etwas beweisen. Ich wollte Schriftsteller werden, hatte aber nichts zu erzählen. Dann ging ich nach Afrika. Und nach zwei, drei Jahren hatte ich etwas zu erzählen. Reisen hat mir alles gegeben: ein Gefühl für die Welt und ein Gefühl für mich selbst; ein Leben und ein Thema. In der Psychologie spricht man von Individuation: In einem bestimmten Alter muss man von zu Hause weg, muss Freunde und Familie hinter sich lassen und in die Welt aufbrechen, um herauszufinden, wer man eigentlich ist. Manche sagen Transformation dazu. Aber das ist das falsche Wort. Man wird eigentlich nur zu dem Menschen, der man im Inneren schon war."

Am liebsten würde er allen früh im Leben eine Grand Tour verschreiben, eine umfassende Bildungsreise: zu den emerging economies nach Asien; nach Afrika, um die Folgen des Kolonialismus zu erleben; zu den größenwahnsinnigen Träumern des Silicon Valley ... Dabei sind die konkreten Lektionen eigentlich Nebensache, wichtiger ist das Grundsätzliche: "Um als Reisender wachsen zu können, muss man erst mal Demut lernen, erkennen, wie klein man ist – und wie groß die Welt, wie anstrengend, komplex und gefährlich. Muss sich sagen: Ich bin ein Niemand. Darauf kann man dann aufbauen."