Die Erleichterung über das französische Wahlergebnis am Sonntagabend war so groß, dass man sich erst am Montagmorgen fragte: Erleichterung worüber? Wieso aufatmen, wenn eine Rechtsradikale wie Marine Le Pen es in die Stichwahl für die Präsidentschaft geschafft hat?

Das kann nur, wer glaubt, dass sie am 7. Mai nicht siegen kann. Was aber keineswegs feststeht.

So dumm, sie gewinnen zu lassen, seien die Franzosen nicht, sagen jetzt viele Frankreichkenner im wiederbelebten Glauben an Umfragen, die Le Pen im zweiten Wahlgang bei 40 Prozent und Macron bei 60 Prozent sehen. Es werde sich, meinen sie, eine Front all jener bilden, die eine rechtsradikale Präsidentin verhindern wollen, eine Front der Mehrheit.

In der Tat werden seit Sonntagabend Barrieren gegen Marine Le Pens Aufstieg ins höchste Staatsamt errichtet. Da wäre zum Beispiel François Fillon, Kandidat der Konservativen. Für ihn war die Niederlage besonders schmerzhaft, denn sie ist wegen seiner Affären auch seine persönliche Schuld. Doch ohne Zögern rief er noch am Wahlabend seine Anhänger dazu auf, am 7. Mai für Emmanuel Macron zu stimmen, für seinen Gegner, den er im Wahlkampf mit Verachtung überzogen hatte.

Auch die Sozialistische Partei inklusive des amtierenden Präsidenten François Hollande, außerdem die Studentenverbände, die große Bürgerrechtsorganisation SOS Racisme sowie der Dachverband der französischen Juden und die muslimischen Verbände – sie alle beschwören die Franzosen, Macron zu wählen, um Le Pen zu verhindern.

Im Jahr 2002 hat diese Taktik der "republikanischen Front" funktioniert. Der Front National (FN) war mit Marine Le Pens Vater zum ersten Mal in die Stichwahl eingezogen, die Erde bebte, die linke Gewerkschaft CGT rief in den zwei Wochen zwischen den beiden Wahlgängen zu Demonstrationen auf, Millionen fanden sich auf den Straßen ein, der Konservative Jacques Chirac siegte schließlich mit über 80 Prozent der Stimmen.

Frankreich - "Wahlausgang wird politische Landschaft zweifelsohne ändern" Der parteiunabhängige Kandidat Emmanuel Macron feiert seinen Wahlsieg in der ersten Runde. Eine Stichwahl ohne Sozialisten und Republikaner sei ein Novum, sagen französische Politikwissenschaftler. © Foto: Francois Mori/AP/dpa

Warum sollte es dieses Mal nicht ebenso klappen? Schließlich ist auch im Mai 2017 die Alternative extrem. Die Franzosen stimmen nicht nur über ihren Präsidenten ab, sondern auch darüber, in was für einem Land sie leben wollen. Sie stimmen darüber ab, ob die Fremdenfeindlichkeit ein Verfassungsprinzip werden soll: Marine Le Pen will die priorité nationale in der Konstitution verankern, nach der dann beispielsweise Unternehmer vom Staat dazu angehalten werden sollen, bevorzugt Franzosen einzustellen. Und am 7. Mai stimmen die Bürger faktisch auch darüber ab, ob es die EU in Zukunft noch gibt oder ob Frankreich die Zollmauern hochzieht und an den Landesgrenzen Polizei und Militär aufmarschieren lässt.

Als weltoffenes Land erlebte Frankreich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung und wurde zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt. Heute türmen sich zwar die Probleme (Arbeitslosigkeit, Verschuldung, ineffizienter Staat, allseitiges Misstrauen in der Gesellschaft), aber Le Pens Politik würde die Grundlagen der französischen Wirtschaft zerstören. Sie will Offenheit durch Abschottung ersetzen – das ist ihre Vorstellung von Frankreich im Zeitalter der Globalisierung. Eine pessimistische Idee, just das Gegenteil des Optimismus, den Macron verbreitet.

Müsste da die Wahl nicht leichtfallen, die Entscheidung zwischen dem Schönen und dem Biest?