In einem alten Puff wird der Journalismus gerettet – so könnte der Einstieg in diesen Text klingen, hätte Constantin Seibt ihn geschrieben. Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Journalist ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seinen markigen und unorthodoxen Stil. Zum Schreiben kommt Seibt allerdings kaum noch, seit er im vergangenen Oktober beim Tagesanzeiger gekündigt und ein Medien-Start-up in einen ehemaligen Zürcher Stundenhotel gegründet hat.

Dass der Journalismus in Bedrängnis ist, bezweifelt in der Branche heute niemand mehr, auch wenn die Prognosen unterschiedlich düster ausfallen. Die Schweizer Verlage plagt dasselbe Problem, das in den letzten Jahren auch in Deutschland zur Verkleinerung, Zusammenlegung und Schließung etlicher Redaktionen geführt hat: Das Geschäft wandert zusehends ins Internet ab, die Erlöse kommen aber nicht mit. Die Leser sind weniger treu als früher – und seltener bereit, für Inhalte zu zahlen.

Um Kosten zu sparen, werden Budgets gekürzt und Stellen gestrichen, was zulasten der Themenvielfalt und Recherchetiefe geht. "Eine Zeitung stirbt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln", beschreibt Seibt diesen Prozess. "Und wenn sie irgendwann tot ist, weint ihr keiner hinterher, weil sie es eigentlich schon lange war."

Einen Königsweg aus dem Dilemma gibt es nicht, wohl aber Profiteure, die die wirtschaftliche Schwäche der Verlage für ihre Agenda nutzen. So kaufte etwa der Schweizer Nationalrat und Politiker der rechtspopulistischen SVP, Roger Köppel, 2006 die ehemals linksliberale Weltwoche und konzipierte sie als mehr oder weniger unverhohlenes Hetzblatt neu. 2010 folgte die Umpolung der Basler Zeitung unter Beteiligung des Multimilliardärs und ehemaligen SVP-Nationalrats Christoph Blocher. 2014 versuchten SVP-nahe Kreise gar, den Chefredakteur der liberalen Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) durch Markus Somm zu ersetzen, Blocher-Biograf und Nationalkonservativer. Der Versuch scheiterte zwar, doch die Medienoffensive der finanzstarken Rechten geht weiter – zuletzt etwa mit Kaufangeboten für die Blick-Gruppe und der Forderung nach massivem Rückbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebots.

Project R heißt das Medien-Start-up von Seibt und seinen derzeit neun Mitstreitern, das R steht für Republik, den Namen des digitalen Magazins. Beworben wird es als Qualitätsgarant im abflachenden Diskurs und als eine der letzten Bastionen der Pressefreiheit: "Ohne Journalismus keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Freiheit. Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente", heißt es in ihrem Manifest, das Mitte des Monats in Bern vorgestellt wurde.

Investoren haben bereits eine Starthilfe von 3,5 Millionen Franken zugesagt (rund 3,2 Millionen Euro) – ausgezahlt wird die Summe jedoch nur, wenn mindestens 3.000 Personen vorab ein Abo abschließen und so mindestens 750.000 Franken in die Kasse bringen. Die Entscheidung fällt in einer sechswöchigen Crowdfunding-Phase, die Anfang dieser Woche begonnen hat. Gelingt es, würde die Redaktion aufgebaut. Kommt die Summe nicht zusammen, wird es keine Republik geben.

Doch das Crowdfunding ist nur die erste von vielen Gelegenheiten zum Scheitern. 2014 etwa trat in Deutschland das Journalismus-Start-up Krautreporter mit Versprechen an, die jenen von Republik ähneln: Unabhängigkeit von Verlagen und Anzeigenkunden, hochwertiger, leserfinanzierter Journalismus, mit Transparenz und Fehlerkultur. Die (relativ zur Bevölkerungszahl weitaus bescheidenere) Anlauffinanzierung über 15.000 Spender in Höhe von 900.000 Euro brachte das Projekt zwar mit Ach und Krach zusammen, es verlor im Folgejahr jedoch rund zwei Drittel der Unterstützer und seine namhaftesten Autoren.