Ray Davies wartet im ersten Stock einer Galerie am nördlichen Rande von London, in Muswell Hill – ein stiller, grüner, abseits gelegener Teil der Stadt. Den Großteil seines Lebens hat der 72-jährige Davies hier verbracht. 1964 gründete er zusammen mit seinem kleinen Bruder Dave die Kinks, jene legendäre Band, bei der er als Sänger, Gitarrist und Songwriter den Ton angab und deren Songs – "Waterloo Sunset", "You Really Got Me", "Lola" – Klassiker der Popmusik sind. Berühmt ist Davies auch für den endlosen Zank mit seinem Bruder, die Karriere der Kinks kam deswegen immer wieder ins Stocken. Endgültig trennte sich die Band 1996. Seitdem veröffentlicht Davies Soloalben. Gerade erschien ein neues: "Americana".

DIE ZEIT: Mr. Davies, Amerika war nicht immer gut zu Ihnen. Man hat Ihnen dort einst Auftrittsverbot erteilt, später wurden Sie fast erschossen. Trotzdem zieht es Sie immer wieder dorthin zurück. Sie lebten jahrelang in den USA und haben jetzt mit Americana ein ganzes Album über das Land eingespielt. Woher rührt die Verbundenheit?

Ray Davies: Keine Ahnung. Auch um eine Antwort darauf zu finden, habe ich die Platte gemacht. Aber nehmen Sie die Geschichte, als ich angeschossen wurde – in der Zeit danach im Krankenhaus ist meine Liebe zu den USA sogar noch intensiver geworden.

ZEIT: Ausgerechnet im Krankenhaus?

Davies: Ich war in New Orleans einem Straßenräuber nachgelaufen, der meiner Freundin die Handtasche geklaut hatte. Er hat mich dann niedergeschossen. Als ich im Krankenhaus aufwachte, hatte ich ein rosafarbenes Band ums Handgelenk, auf dem stand: "Unknown Person".

ZEIT: Keiner hatte Sie erkannt?

Davies: Ja, herrlich! Einen Tag lang lag ich dort und habe ungestört über mein Leben nachgedacht. Als sie dann wussten, wie ich heiße, konnte keiner meinen Nachnamen aussprechen. Sie haben mich Mr. Ray genannt. Ich habe das geliebt: der anonyme Mr. Ray zu sein. Ich lag in einem Mehrbettzimmer, in dem sonst fast nur Kriminelle untergebracht waren, die zurück- oder zuerst geschossen hatten und die jetzt mit Handschellen an ihr Bett gefesselt waren.

ZEIT: Da fühlten Sie sich wohl?

Davies: Mir waren die sogar sehr sympathisch. Ich habe mich mit einigen unterhalten. Freundliche und angenehme Menschen. Der netteste war ein Mörder, der aus dem Gefängnis ausgebrochen war. Auf mich haben diese Kriminellen wie anständige, normale Individuen gewirkt, die einfach nur Pech hatten. Man fühlt mit den USA, wenn einem bewusst wird, wie viel Unglück es da gibt.

ZEIT: 1965 sind Sie mit den Kinks zum ersten Mal in die USA gereist. Was haben Sie damals von dem Land erwartet?

Davies: Ich hoffte auf eine große, schöne blonde Frau, die mich in einer langen Limousine am Flughafen abholt und in ihre Villa bringt. Ich träumte von der grenzenlosen amerikanischen Freiheit, die ich mir als Kind im grauen Nachkriegs-London ersehnt hatte. Dass dort für alle Menschen alles möglich ist. England ist eine Klassengesellschaft. Für Leute aus der Arbeiterklasse wie mich war das oft schwierig. Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, dass die Gesellschaft in den USA auch in Klassen unterteilt ist, nur eben anders. Und besser getarnt.

ZEIT: Sie haben sich in den USA auch gar nicht willkommen gefühlt.

Davies: Die Kinks waren Teil dieses Phänomens, das "British Invasion" hieß, gemeint waren Bands wie die Beatles, die Rolling Stones und wir. Die Amerikaner gaben uns zu verstehen, dass wir zwar erfolgreich waren, aber mit einer Erfindung, die sie gemacht hatten: Rock ’n’ Roll. Sie mochten es nicht, dass man ihnen etwas verkaufte, von dem sie dachten, dass es ihnen allein gehört. Ich habe dort Menschen erlebt und ganze Ortschaften, die wirklich wütend auf uns waren. Man hat uns wie Hochstapler behandelt.