Das darf man Glück im Pech nennen: In der kleinen Grenzstadt Kehl am Rhein residiert ein noch viel kleinerer Verlag, der in diesem Frühjahr, neben dem örtlichen Telefonbuch, gleich zwei Bücher in deutscher Übersetzung anbietet. Eines hat François Fillon verfasst, der soeben gescheiterte Kandidat der republikanischen Rechten, es heißt Anpacken und erscheint im Mai. Pech. Das andere Buch ist im Original Ende 2016 erschienen, als noch kaum einer auf seinen Autor wettete, es heißt Revolution und fordert einen grundstürzenden Umbau Frankreichs. Es stammt von Emmanuel Macron, dem frisch in die Stichwahl vorgerückten 39-Jährigen, erzählt zugleich seine Geschichte und erscheint genau jetzt. Das ist das Glück des Kehler Morstadt-Verlags.

Nun bedeutet ein Buch für einen französischen Präsidentschaftskandidaten nichts Außergewöhnliches: Der Altlinke Jean-Luc Mélenchon, gleichfalls ausgeschieden, hat gerade erst sein Buch De la vertu vorgelegt ("Von der Tugend"), kurz zuvor erschien sein Manifest L’Avenir en commun ("Gemeinsame Zukunft"). Marine Le Pen ist mit zwei Büchern am Markt, und noch liegen in den Regalen die jüngsten Publikationen der Männer von gestern, Alain Juppé, Nicolas Sarkozy, ganz zu schweigen von François Mitterrands zauberhaften Liebesbriefen an die Geliebte Anne, ein Bestseller, immer noch. Wer in Frankreich an die Macht will, muss – so oder so – seinem Volk Bücher schreiben. Tweets reichen da nicht.

Das Buch Macrons jedoch zeichnet sich durch einen besonders reizvollen Widerspruch aus: Politisch argumentiert es ganz entschieden europäisch und kosmopolitisch (für einen gemeinsamen Haushalt Europas, einen europäischen Finanzminister! Deutschland mit seiner politischen Kultur des Kompromisses ein vorbildlicher Partner! Menschenrechte universell!). In der eigenen geistigen Prägung aber gibt sich Macron geradezu exklusiv französisch.

Wahl in Frankreich - Was beide Präsidentschaftskandidaten verbindet Le Pen will aus der EU austreten, Macron nicht. Trotz aller Unterschiede haben beide Präsidentschaftskandidaten etwas gemein: Es fehlt ihnen eine Mehrheit im Parlament. © Foto: AFP-TV

Die Erzählung über die heimatliche Welt der Ideen, die ihn seit der Kindheit bestimmen, ist durchweg an Landsleuten geschult, ob es der alte Enzyklopädist Diderot ist mit seiner Gewissheit, dass der französische Geist die Unterwerfung verachtet und den aberwitzigen Anspruch auf universelle Geltung erhebt; oder, aktuell, die Forschung des Pariser Islamexperten Gilles Kepel zur Radikalisierungsgeschichte der Terroristen.

Sogar die Verse, die aus Macrons Kindheit in den Wahlkampf klingen, sind französisch, mal singt Leo Ferré zeitlos rauchig, das gute Kind möge sich nicht erkälten, mal erinnert sich Macron an das Revolutionslied Chant du départ (1794): "Republikaner sind Menschen, Sklaven sind Kinder". Das politische Glück ist mithin französisch, weil Frankreich eigentlich, im Allertiefsten, republikanisch ist.

En Marche, "Unterwegs", das ist die Bewegung, die Macron an die Macht bringen soll, er tippt im Vorbeigehen auf dem Weg alle mal an. Als intellektuelle Begleiter Macrons treten in seinen Wanderjahren kurz auf: die Schriftsteller Gide und Cocteau, Balzac und Flaubert. Kein Wort darüber, dass Macron als Student in Paris über Hegel (aus Schwaben) seine akademische Abschlussarbeit schrieb. Keines auch über Kant (aus Königsberg), den er gründlich studiert hat, oder gar Machiavelli (Florenz).

Dabei hat Macron über den florentinischen Theoretiker der Macht sogar bei dem linken Philosophen Étienne Balibar eine größere Arbeit geschrieben. Ist nicht der Rede wert in diesem Buch, das ja als Bewerbungsschrift beim französischen Souverän dienen soll. Als zeitgenössischer geistiger Vater, der ihn das Denken gelehrt hat, natürlich in Paris, tritt in diesem Revolutionsbuch exklusiv auf: Paul Ricœur, Philosoph, Hermeneut, der große Theoretiker des Verstehens und des Erzählens, mit seiner psychoanalytisch geschulten Idee, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, in seinem Selbst die Kluft zwischen Wünschen, Fähigkeiten und Idealen zu überbrücken. Der junge Macron war für kurze Zeit Ricœurs Assistent.

Wer so erzählt, kann von Revolution nicht schweigen. Revolution: ein französischer Topos! Jetzt bedeutet er in den Augen Macrons: Schluss mit dem von oben verordneten Etatismus. Die Gesellschaft sei dran, sich von einem erstarrten Staat zu befreien, Bildung und Gesundheit zu dezentralisieren, das Land auf erneuerbare Energien umzustellen, verödete Kleinstädte zu beleben. Vive la France!, ruft der Elitehochschüler Macron. Das ist der Weg. Fortsetzung folgt.

Emmanuel Macron: "Revolution. Wir kämpfen für Frankreich", aus dem Französischen von Christiane Landgrebe. Morstadt Verlag, 2017.  234 S, 22,90 €