Wer mit einem romantischen Verständnis von Revolutionen nach Bern reist, kann sich schon mal auf Desillusionierung gefasst machen. Bis heute werden Aufruhr und Umsturz, etwa vom populären Philosophen Alain Badiou, als nachgerade mystische "Ereignisse" gefeiert. In Wahrheit haben sich alle Versuche eines radikalen Umbaus von Gesellschaften als janusköpfig erwiesen. "Im Punkte der Explosion, die das Erbe zu sprengen scheint, stammt der Sprengstoff immer schon aus ererbten Beständen", schrieb der polnische Philosoph und Ex-Kommunist Leszek Kołakowski 1973 ernüchtert von der Russischen Revolution, die in Verblendung und Terror ausgeartet war. Der reinen Lehre müde, verordnete er seinem Denken eine gehörige Prise Hybridität.

Auch die große Berner Ausstellung, die jetzt von der Russischen Revolution und dem mit ihr verbundenen ästhetischen Neuanfang erzählt, scheut sich nicht, die Romantik des Revolutionären zu durchkreuzen. Auf kluge und eindrückliche Weise gibt sie ein Beispiel dafür, dass Revolutionen in der Realität immer hybride Evolutionen sind. Davon zeugt bereits das Empfangskomitee, das die Besucher im Kunstmuseum begrüßt: Kasimir Malewitschs Drei Mädchen (1928).

Das Bild zeigt drei menschliche Gestalten, zusammengesetzt aus geometrischen Formen. Besucher, die mit Malewitschs Gesamt- und vor allem Spätwerk nicht vertraut sind, mag das überraschen. Denn in die Kunstgeschichte und ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist Malewitsch als Meister der radikalen Abstraktion – obwohl er den Begriff "Abstraktion" selbst nicht verwendete und sein legendäres Schwarzes Viereck (1915) sogar in die Tradition der Ikonenmalerei stellte. Trotz der eher esoterisch-absurden Konzepte, die der Künstler seiner "suprematistischen Kunst" zugrunde legte, wurde das Schwarze Viereck nicht zufällig als Polit-Nullpunkt begriffen. Es passt einfach zu gut zur verklärenden Sehnsucht nach radikalem Neuanfang.

Im Entstehungsjahr der Drei Mädchen hatte sich Malewitschs Malerei sichtlich verändert, war hybride geworden. Und auch die Politik der Bolschewiki hatte sich verändert: Sie betrieben einen brutalen, ja zaristisch anmutenden Umbau der Gesellschaft. Genau diese Verfranzungen, diese Dialektiken der Revolutionszeit sind das Thema der Ausstellung, die an zwei Orten spielt. Im Kunstmuseum wird die internationale Entfaltung des sozialistischen Realismus gezeigt, in den Räumen des Zentrums Paul Klee die globale Verbreitung von Suprematismus und Konstruktivismus.

Für die Kunst der 1910er und 1920er Jahre war typisch, dass die Künstler mit ihren Werken zu einer neuen Welt, einer neuen Gesellschaft beitragen wollten. Wladimir Tatlin, der in der Ausstellung unter anderem mit Bildreliefs vertreten ist, stand für eine utopisch-technische Kunst, für die Verbindung von Ästhetik und Maschine, Malewitsch indes wollte dem modernen Menschen eine neue Spiritualität verordnen. Am Ende setzte sich keiner von ihnen durch. War der Umbruch zunächst von Offenheit geprägt, die sich in einer schier grenzenlosen künstlerischen Experimentierfreude zeigte, so erstarrte die Revolution bald schon im offiziellen Dogma des sozialistischen Realismus.

Dieser ist unter anderem mit Gemälden von Alexander Deineka vertreten, farb- und kraftstrotzenden Fanalen jenes "neuen Menschen", den die Revolution versprach. Aber alles Neue muss, einmal in der Welt, geschützt und konserviert werden, also: konservativ und reaktionär werden. Dumm nur, dass diese Eigenschaften dem Klassenfeind angelastet wurden. Folgerichtig zeigt die Kuratorin Kathleen Bühler im selben Raum wie Malewitsch russische Propagandaplakate der zwanziger und dreißiger Jahre, deren strahlende Arbeitshelden an das gleichzeitig in den USA entstehende Superhelden-Genre erinnern – Kommunisten und Kapitalisten als ästhetisch Verwandte, vereint in Plakativität.