"Das ist jetzt halt nicht besonders effizient für die Fettverbrennung", sagt der verschwitzte nackte Mann neben mir auf der Matratze, dem ich gerade nach dreimal Vögeln erzählt habe, dass ich in meiner Freizeit ganz gerne spazieren gehe. Die postkoitale Themenwahl lässt durchaus Rückschlüsse auf die emotionale Intensität unserer Verbindung zu: Joah, also ich geh ganz gern spazieren in meiner Freizeit, und du so? "Da trainierst du aber ganz falsche Muskelgruppen", sagt der Mann jetzt. "Wenn du abnehmen willst, musst du dich auf Krafttraining fokussieren. Da kann man doch wirklich noch was machen mit deiner Figur!" Ich hätte ja schließlich ein hübsches Gesicht.

Noch immer weiß ich nicht genau, was ich mit diesem ungefragten Rat anfangen soll. Mir war nicht klar, dass ich meinen Körper überhaupt zur Debatte gestellt hatte. Eigentlich ging ich davon aus, dass es meiner ist, dass ich ihn bewohnen kann, wie ich es für richtig halte, und dass man nur mit Leuten schläft, auf die man tatsächlich irgendwie scharf ist. Für ihn, sagt der Mann neben mir im Bett, sei es Teil seines spirituellen Wachstums gewesen, zur Abwechslung auch mal einen Körper wie meinen als orgasmisch zu akzeptieren – auch wenn ihn mein Leibesumfang zunächst natürlich ziemlich abgestoßen hätte. Ach so.

Bis dato waren Kommentare zu meiner Figur eher die Spezialität von Frauen mit so leicht verkniffenem Zug um den Mund. Frauen, die mir gerne mal sagen, dass bei meiner Karriere "ja auch viel Glück mit im Spiel" gewesen sei.

Die Stiefmutter einer Freundin, die ganz begeistert davon war, wie selbstbewusst ich doch sei: also, trotzdem jetzt. Trotz meines Aussehens.

Die Journalistin Mitte 50, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf Sendung verkündete, sie habe dieses Bild einer kleinen, zarten, sexuell provokanten Frau im Kopf gehabt, und jetzt säße, also ja, äh, ich ihr gegenüber. Witzig sei ich ja zumindest.

Die Kooperationspartnerin, die mir auf dem Anrufbeantworter viel Spaß in Antwerpen wünschte, wooah, lecker belgische Pralinen – aber nicht zu viel davon, hörst du? Ach Quatsch, vergiss, was ich gesagt habe, du bist ja so oder so schön, haha.

Ich? Das ist eine Frau Anfang 30 mit Kleidergröße 40/42 auf ein Meter achtzig. Relativ unspektakulärer deutscher Bundesdurchschnitt, könnte man meinen. Wären da nicht all diese wahnsinnig guten Ratschläge. "Hast du’s denn schon mal mit einer Glutenunverträglichkeit probiert?", fragt mich die Yoga-Lehrerin nach der Stunde. Manchmal erfordert es wirklich mentalen Widerstand, um sich in meinem stinknormalen Körper nicht wie ein kompletter Vollidiot zu fühlen.

Dabei frühstücke ich wesentlich öfter grünen Smoothie als Schnitzel und trabe devot dreimal die Woche zum Sport. Ich kenne auch eigentlich niemanden mehr, der sich noch traut, keinen Sport zu machen. Ich bemühe mich redlich um meine sieben Stunden Nachtruhe, und mein Trackingarmband ist auch sonst ganz zufrieden mit mir. Ich rauche nicht, meditiere viel, genieße meine vom Bundesgesundheitsministerium maximal durchgewinkten Alkoholeinheiten und empfinde angemessen andächtige Manufactum-Fröhlichkeit beim Verzehr meines selbst gebackenen Sesam-Quark-Brotes.

Und trotzdem bin ich nicht auch nur ansatzweise besonders dünn. Nach Fashionmaßstäben gelte ich als Plus-Size. Auf Plus-Size-Blogs gehe ich immerhin noch als "Inbetweenie" durch, eine Art halb definiertes Ding zwischen dünn und dick. Diesen Zuschreibungen zufolge wäre ich ein Fall für Body-Acceptance und Health-at-any-Size, aber so toll ich diese Bewegungen grundsätzlich finde: Ich identifiziere mich einfach nicht mit dem Label "fett". Und ich habe es unfassbar satt, mir ständig sagen zu lassen, dass ich mich nicht so fühlen darf, wie ich bin: normal.

Ich meine, als große blonde Frau, die einige Jahre lang als digital nomad in der Welt unterwegs gewesen ist und viel Zeit in Asien verbracht hat, bin ich es ja gewohnt, angestarrt zu werden. Dass mir die Marktverkäuferin in Ho-Chi-Minh-Stadt das Kleid beim Feilschen mit " But it’s black! Good to hide the fat! " anpreist, finde ich lustig. Ich habe auch gelacht, als die Mutter meiner Freundin Tutu bei unserer ersten Begegnung mit den Worten "Kommt schnell! Sie sieht aus wie ein riesiges rosa Baby!" das halbe Mekong-Dorf ins Wohnzimmer brüllte. Derart unverkrampft-fröhlichen Lookismus kann ich ab – denn es stimmt ja: Ich bin in Asien ein riesiger Alien.

In Deutschland sieht die Sache schon grundsätzlich anders aus: Laut einer noch unveröffentlichten Studie der Universität Leipzig fühlten sich rund 67 Prozent der befragten User großer Sport- und Fitness-Accounts durch Instagram unter Druck gesetzt, besser in Form zu kommen. Mehr als die Hälfte glaubten, sie müssten den eigenen Körperfettanteil reduzieren, und immerhin 43 Prozent wollten insgesamt dünner aussehen. Das gilt übrigens längst nicht mehr nur für Frauen.

"Ich sollte echt lieber nicht", beantwortete ein Typ mit vielen Tattoos gegen Mitternacht vor dem Jazzclub meine Frage nach einem zweiten Bier. "Gluten ist das Schlimmste!", bestätigte sein Kollege aus der Feuerwehrmann-Ausbildung (nein, das hab ich mir nicht ausgedacht). Dann zückte er sein Smartphone und zeigte uns Fotos von seiner letzten Bodybuilding-Competition. Ein Grillhähnchen mit sehr vielen Adern und Sehnen, eher nicht so sexy. Mir gefallen Körper, die nicht von Zwängen, sondern von Leidenschaften geformt sind. Lieber eine kleine Plauze als ein angestrengtes Proteinshake-Waschbrett.