Es klang in der Tat besorgniserregend, was das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in einer Presseerklärung am 17. April 2014 veröffentlichte: "Eine bundesweite Analyse zur Strafverfolgung der Vergewaltigung zeigt einen klaren Trend: Vor 20 Jahren erlebten 21,6 Prozent der eine Anzeige erstattenden Frauen die Verurteilung des Täters. 2012 waren es nur noch 8,4 Prozent."

Diese aufwühlende Zahl machte erwartungsgemäß öffentlich Karriere: Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe nutzte sie alsbald für seine letztlich auch erfolgreiche Kampagne "Vergewaltigung verurteilen – Für eine Reformierung des § 177 StGB". Und Bundesjustizminister Heiko Maas bekräftigte den Befund am 16. März 2016 persönlich nochmals auf der Website seines Ministeriums: "... von den angezeigten Vergewaltigungen sind nur 8 Prozent einer Verurteilung zugeführt worden." Sogleich schob er nach, worin er den politischen Grund für das Desaster sah: "Und das hat damit zu tun, dass wir Schutzlücken im Strafrecht haben." Deutschland – ein Land der Gesetzlosen? Was ist bloß mit unserer Strafjustiz los?, fragten die Medien und das verunsicherte Volk.

Die Forscher der Kriminologischen Zentralstelle (Krimz), einer Einrichtung des Bundes und der Länder in Wiesbaden, fragten etwas ganz anderes: Wie kommen die Kollegen aus Hannover bloß auf solch absurde Zahlen? Ihre Antwort: Die mageren acht Prozent der verurteilten Vergewaltiger beruhten auf unseriösen Berechnungen. Sie entstammten keiner wissenschaftlich ernst zu nehmenden Studie. Sie gehen lediglich auf falsch interpretierte und unzulässig zusammengerechnete Polizei- und Justizstatistiken zurück. Und sie stellen – wie es aussieht – ein absichtliches, politisch zielgerichtetes Fehldeuten von Zahlen dar, das den Zweck verfolgt, das Sexualstrafrecht im Sinne interessierter Kreise weiter zu verschärfen.

Bevor man zum Kern des Problems vordringt, sollte man zweierlei wissen: Wie der Verdachtsfall einer sexuellen Gewalttat in die polizeiliche Kriminalstatistik gelangt, hat keineswegs nur mit "Anzeigen von Frauen" zu tun. In etwa 25 Prozent aller Fälle wird die Polizei durch Dritte aufmerksam gemacht. Die Juristin Jutta Elz, Wissenschaftlerin an der Krimz, nennt typische Beispiele aus dem Polizeialltag: Eine stark alkoholisierte Frau sagt zum herbeigerufenen Sanitäter: "Scheißabend ... ich wollte das alles nicht." Der Sanitäter zeigt eine mögliche Vergewaltigung bei der Polizei an. Später stellt sich das als Missverständnis heraus. Oder: Ein Schizophrener behauptet, eine Stimme im Kopf habe ihm die Vergewaltigung seiner Schwester vorgeworfen. Dies entpuppt sich aber als Wahnvorstellung, das Verfahren wird eingestellt.

Zweitens mangelt es bei 20 Prozent der Anzeigen an einem identifizierbaren Tatverdächtigen. "Eine Verurteilung", schreibt Elz, "scheitert in jedem fünften Fall schon daran, dass es niemanden gibt, den man anklagen könnte."

Zu alledem kommt noch der ganz normale Filtereffekt, der sich beim Marsch aller Kriminalfälle durch die Instanzen einstellt: Nicht jeder Anfangsverdacht zieht auch eine Verurteilung nach sich. Nur das wenigste, was bei der Polizei als Straftat gemeldet wird, wird zuletzt tatsächlich bestraft.

Darüber hinaus ändert sich oft noch die rechtliche Einschätzung eines Geschehens im Laufe eines Ermittlungsverfahrens, dazu sind Ermittlungen ja da. Also führt auch nicht alles, was als Vergewaltigung angezeigt wird, auch zu einer Verurteilung wegen Vergewaltigung. Werden die Angeklagten aber wegen "Körperverletzung" oder wegen "sexueller Nötigung" bestraft, reicht das den Verfechtern der Acht-Prozent-Lehre nicht – für sie zählt das Urteil dann nicht, obwohl es eine Verurteilung gegeben hat. Gelten lassen die Kämpfer für die Strafverschärfung also nur jene Fälle, in denen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht ausnahmsweise zur selben rechtlichen Bewertung gekommen sind. Jutta Elz schreibt: "Dass 'nur 8.4 %' der anzeigenden Frauen 'die Verurteilung des Täters' erlebt hätten, suggeriert nicht nur, dass jeder Anzeige auch eine tatsächliche Vergewaltigung zugrunde lag, sondern ebenso, dass 91,6 % derjenigen, die diese Taten begangen hatten, nicht verurteilt wurden." Diese Annahme aber sei grundfalsch.