Auf Facebook nennt er sich "Blut". Blut, der Waffendealer. Auf seinem Profilbild trägt er eine schwarze Collegejacke, die Haare kurz geschoren, die Arme verschränkt, Sonnenbrille. Blut will auf Facebook eine Pumpgun verkaufen. Ein Gewehr, das Schädel spaltet und grauenhafte Wunden reißt. Mit solchen Waffen richten Kämpfer der Terrormiliz IS Gefangene hin.

Blut ist nicht der erste Waffendealer, der seine Geschäfte über das Internet abwickelt. Der Handel mit verbotenen Waffen ist schon vor einiger Zeit in die virtuelle Welt gewandert. Auch der 18-jährige Amokläufer von München hatte seine Tatwaffe vom Computer aus bestellt. Im Juli 2016 erschoss er damit neun Menschen.

Blut ist Mitglied der Facebook-Gruppe "Berliner Schwarzmarkt". Solche lokalen Foren gibt es in ganz Deutschland. Es sind meist geschlossene Gruppen, in denen illegale Waren angeboten werden, von der gefälschten Gucci-Klobürste bis zur Schrotflinte.

Die Schwarzmärkte sind für jeden Facebook-Nutzer über eine Beitrittsanfrage zugänglich. Der Polizei sind die Foren bekannt, am täglich wachsenden illegalen Handel ändert das aber nichts. Allein für Hamburg existieren mindestens 23 Schwarzmarkt-Gruppen, die größte hat über 44.000 Mitglieder. In Bielefeld, Dortmund, Frankfurt gehören den Foren ebenfalls Tausende Facebook-User an.

Auf Bluts Handelsplatz werden auch illegale Hormonpräparate, gefälschte Ausweise und verbotene Munition angeboten. Die Polizei Berlin weiß seit Monaten davon. Dennoch hat keiner der Ermittler den Waffenhändler Blut bemerkt. Am 6. Januar 2017 tritt er dem "Berliner Schwarzmarkt" bei. Am selben Tag sitze ich beim Berliner Staatsschutz. Mir gegenüber ein Beamter im Karo-Hemd und eine sterbende Topfpflanze auf dem Fensterbrett. Wegen der Schwarzmarkt-Gruppen auf Facebook muss ich als Zeugin aussagen. Es geht um Polenböller und Kugelbomben, Knallkörper, die in Deutschland verboten sind. Sie kosten jede Neujahrsnacht Menschen ihre Finger oder gar das Leben. In einer Anfrage an die Pressestelle hatte ich am 21. Dezember einige Verkaufsangebote an die Polizei weitergeleitet. Die Beamten erklärten, die Gruppen seien ihnen bekannt.

Die Polenböller-Inserate sind es nicht, denn erst nach meiner Anfrage leitet die Polizei drei Ermittlungsverfahren ein. Aussagen muss ich erst nach Silvester, als eine Kugelbombe einem Mann in Berlin-Marzahn bereits das Gesicht zerfetzt hat.

Bei der Vernehmung wirkt der Beamte nicht, als kenne er sich mit dem Schwarzmarkt aus. Er fragt nach Namen der Gruppen, obwohl diese den Ermittlern angeblich bekannt sind. Wie sich später durch eine erneute Anfrage der ZEIT herausstellt, weiß die Polizei erst seit dem 18. Dezember vom "Berliner Schwarzmarkt"-Forum. Seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal wegen des illegalen Handels bei der Pressestelle angerufen habe.

24 Stunden nach meiner Aussage postet der Waffenhändler Blut genau in diesem Forum Fotos einer Maschinenpistole und den Hinweis: "Nicht funktionsbereit". Er erwähnt auch eine "deaktivierte Original Pumpgun", die er "für nen guten Preis" verkaufen möchte. Anscheinend ohne Erfolg.

Am 20. Januar stellt Blut ein Foto des Gewehrs in die Gruppe. "Pumpgun zu verkaufen", schreibt er, "demilitarisierte Originalwaffe", der Preis sei verhandelbar. Nach wenigen Minuten melden sich erste Interessenten. "Was kann die?", fragt ein Nutzer namens Robert. "Eine demilitarisierte kann gut aussehen, außer man baut sie wieder um, dann macht sie auch große Löcher", schreibt Blut. Robert will wissen, wie das geht. "Neuer Lauf, neuer Schlagbolzen", antwortet Blut.

Bluts Pumpgun ist angeblich "deaktiviert". Das war die Pistole des Münchner Amokläufers zwischenzeitlich auch. Der 18-jährige David S. hatte die wieder scharf gemachte Waffe, eine ehemalige Theater-Requisite, im Darknet bestellt. Die Polizei bekam das nicht mit, bis David S. Jugendliche in einer McDonald’s-Filiale erschoss.