DIE ZEIT: Herr Thomas, Sie sind seit fast 40 Jahren Strafverteidiger, vor allem in Wirtschaftsverfahren. Angenommen, Sie würden ein Buch über Ihr Leben schreiben ...

Sven Thomas: ... dann würde das Buch dünn ausfallen. Es bestünde nur aus einer Seite – mit einem einzigen Satz, einem Ratschlag für meine Kollegen: Keep your secrets. Bewahrt eure Geheimnisse.

ZEIT: Das Buch würde vermutlich kein Bestseller werden. Warum ist Schweigen so wichtig?

Thomas: Meine Mandanten sind oft Manager, die es gewohnt sind, mit Worten zu überzeugen. Manchmal stehen nur ein paar Stichpunkte auf einer Karteikarte, daraus machen sie eine Rede. Der Job verlangt es so von ihnen, sonst wären sie am falschen Platz. Vor Gericht herrschen aber völlig andere Gesetze. Da oben sitzt einer, der verurteilen kann. Und da unten sitzt einer, der verurteilt oder freigesprochen wird. Jedes Wort wird ernst genommen, alles wird protokolliert. Aus allem kann jemandem ein Strick gedreht werden. Für einen herrschaftsfreien Diskurs ist ein Gerichtssaal nicht geeignet.

Sven Thomas, 69 Jahre alt, signalisiert allein durch seine Erscheinung, dass im Gerichtssaal eine Schlacht bevorsteht. Einige seiner Mandanten sind nicht die größten Sympathieträger. Sven Thomas hat beispielsweise den ehemaligen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone verteidigt, Rolf E. Breuer von der Deutschen Bank und Klaus Esser von Mannesmann sowie den Kunsthändler Helge Achenbach. Das Interview findet in seiner Anwaltskanzlei in Düsseldorf statt.

ZEIT: Gibt es Prominente, die Sie als Mandanten abgelehnt haben?

Thomas: Ja, sicher. Aber darüber spricht man nicht.

ZEIT: Warum haben Sie abgelehnt?

Thomas: Immer dann, wenn mir relativ schnell klar wird, dass ein Mandant eine andere Auffassung hat, wie das Verfahren zu behandeln ist – und wenn ich sehe, dass dies ein Irrweg ist. Ich habe diesen Fehler ein-, zweimal im Leben gemacht: Da bin ich aus Solidarität mitgegangen, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Das wird dann ein bitterer, ein ganz bitterer Weg. Das mache ich nicht mehr.

ZEIT: Wenn der Strafverteidiger Sven Thomas von heute dem Berufsanfänger Sven Thomas einen Ratschlag geben würde, wie sähe der aus?

Thomas: Ich würde sagen: Sei vorsichtiger, verlasse dich nicht zu sehr auf deine eigene Kraft. Ich war als junger Anwalt voller Sturm und Drang. Ich war davon überzeugt, alles bewegen zu können, mit Kampf und ein bisschen Kreativität.

ZEIT: Sie haben einen Gerichtsprozess immer als Kampf empfunden?

Thomas: Ja.

ZEIT: Inzwischen sind Sie sanfter.

Thomas: Nein, überhaupt nicht. Aber ich glaubte damals in meinem jugendlichen Übermut daran, dass ich eine Situation nur durchdenken müsse, sie juristisch durchdringen, um zu gewinnen. Ich dachte, ich müsse nur davon überzeugt sein, dass etwas richtig ist, dann werde es am Ende in meinem Sinne laufen. Diese Überzeugung habe ich verloren.

ZEIT: Sie glaubten früher an eine Wahrheit?

Thomas: Nein, so naiv war ich nie. Aber es gab schon so etwas wie ein Streben nach Wahrheit. Im Laufe der Jahrzehnte ist mir klar geworden, dass die Formen eines Strafprozesses nicht annähernd dazu geeignet sind, die Wahrheit zu rekonstruieren. Natürlich empfinde ich bis heute jeden Prozess als große Herausforderung. Aber meine Neigung, eine Erledigung des Verfahrens zu suchen, ohne dass am Ende ein Ergebnis steht, ist inzwischen viel größer geworden.

ZEIT: Was ist der Kern Ihrer Ernüchterung?

Thomas: Das deutsche Strafrecht ist hochselektiv, das bedeutet: Die Justiz kann gar nicht alles verfolgen, was sie verfolgen müsste. Wir wären sonst ein Volk von Vorbestraften, das würde kein Rechtssystem aushalten. Schon deshalb muss das Strafrecht selektiv sein, allein soziologisch ist das erforderlich.

ZEIT: Wer strafrechtlich verfolgt wird und wer davonkommt – das ist Zufall?

Thomas: Das hat viel mit Willkür zu tun. Etwa bei der Steuerhinterziehung: Das Thema kochte hoch, nachdem den Behörden die Kontodaten deutscher Steuerpflichtiger aus Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz zugespielt worden waren. Was ist daraus geworden? 80 bis 90 Prozent der Verfahren wurden eingestellt. Das geht auch nicht anders. Wo kämen wir hin, wenn man jede Hinterziehung verfolgen wollte, und dies nach den absurden Regeln des Ersten Strafsenats des Bundesgerichtshofes? Bei einer Steuerschuld von höchstens 100.000 Euro soll es eine Geldstrafe sein, ab 100.000 Euro schon Haft mit Bewährung, ab einer Million Euro eine Gefängnisstrafe. Wenn sich die Gerichte daran hielten, wären wir ein Land voller Verbrecher.