DIE ZEIT: Vor zehn Tagen stimmten fast drei Viertel der türkischen Wähler in Österreich für die Verfassungsänderung in der Türkei. Darauf ist eine Diskussion über die großteils illegalen doppelten Staatsbürgerschaften entflammt. Warum ist das so ein Reizthema?

Kenan Güngör: Es geht um eine Art Vergeltung. Es gibt seit einigen Jahren ein großes Unbehagen in weiten Teilen der Gesellschaft gegenüber der türkeistämmigen Bevölkerung. Es ging dabei etwa um die Demonstrationen nach dem Putschversuch im Sommer, um die Auftritte von türkischen Politikern und jetzt um das Referendumsergebnis. Dass nun über Doppelstaatsbürgerschaften diskutiert wird, ist die umgeleitete Revanche.

ZEIT: Man hat einen Punkt gefunden, an dem man die hier lebenden Türken politisch korrekt angreifen kann?

Güngör: Zum Teil. Es gibt die Gehässigen, die das als gesellschaftlich legitimierten Anlass nehmen, ihre Ressentiments demokratiepolitisch zu kleiden und loszuwerden. Es ist zurzeit einfach, Demokrat zu sein und auf sie draufzuschlagen, weil man im Recht ist. Dann gibt es bei Moderaten und Progressiven so was wie eine Erwartungsenttäuschung, dass die Migranten nicht nur die gutmütigen Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung sind.

ZEIT: Was unterscheidet den Diskurs in Österreich und Deutschland?

Güngör: In Deutschland ist er sprachlich eingehegter.

ZEIT: Woran liegt das?

Güngör: Das hat mit der Größe zu tun. In Deutschland gibt es eine ausdifferenzierte Institutionenlandschaft, die als gesellschaftliches Korrektiv fungiert. In Österreich gibt es eben nicht zehn Institute mit je 40 Mitarbeitern, die zum Thema Migration forschen. Vieles, was hier gesagt wird, ist nicht empirisch belegt, sondern es sind Annahmen und Vermutungen. Was mir auch auffällt, seit ich hier lebe, ich komme ja aus Deutschland, ist, dass das Sagbarkeitsfeld problematischer Äußerungen deutlich größer ist.

ZEIT: Es ist mehr erlaubt?

Güngör: Ja, es herrscht wenig Sorgsamkeit mit Äußerungen. Es wird leichtfertiger von "Kulturfremden" oder "den Muslimen" gesprochen und einfach kollektiviert. Es wird dann über Parallelgesellschaften geredet, die gefährlich seien. Aber wir leben alle in Blasen. Das Problem sind also nicht Parallelmilieus, sondern desintegrative Milieus. Man sollte deshalb präzise sein und nicht nur ethnische Kategorien benutzen. Wir haben ein Problem mit antidemokratischen Haltungen und einem stark führerorientierten Politikverständnis bei einem Teil der türkeistämmigen Bevölkerung. Das ist ein Problem, darüber müssen wir sprechen.

ZEIT: Dann tun wir das doch. 73,23 Prozent der wahlberechtigten Türken stimmten für diese Verfassungsänderung. Wie repräsentativ ist denn dieses Ergebnis für die gesamte Community?

Güngör: Derzeit wird von einer Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent ausgegangen. Die reale Beteiligung dürfte niedriger sein. Wenn man die Doppelstaatsbürger dazuzählt, dann liegt sie unter 40 Prozent, vielleicht sogar bei 30. Das heißt, die meisten gingen nicht wählen. Die Mobilisierung der Diaspora hat nicht wie gewünscht funktioniert. Aber darüber redet niemand. Es geht einzig um die Bestrafung dieser 73 Prozent, und die führt dazu, dass alle mit hineingezogen werden, die gegen Erdoğan gestimmt haben – oder nicht hingegangen sind.

ZEIT: Reden wir uns damit Entwicklungen innerhalb der türkischen Gemeinde schön?

Güngör: Nein, und die Gründe, warum viele nicht wählen gingen, können unterschiedlich sein. Gerade im ländlichen Raum war es doch sehr umständlich, andere interessiert die Politik in der Türkei weniger und so weiter. Es gibt leider keine Studien über die Präferenzen in der türkischen Community für bestimmte Parteien und Ideologien. Ich würde mich aber wundern, wenn die Sympathie zu AKP und Erdoğan nicht mindestens bei 50 Prozent läge. Damit muss man sich auseinandersetzen und einen kritischen Diskurs führen. Was aber jetzt stattfindet, ist eine Diabolisierung der AKP-Wählerschaft und keine kritische Auseinandersetzung.

ZEIT: Ein Argument für die hohe Zustimmung zu Erdoğan ist oft, dass die Zuwanderer aus der Türkei nach Österreich vor allem aus ländlichen Gebieten kommen.

Güngör: Das ist so. Man hat nicht Akademiker als Gastarbeiter gesucht, sondern Leute, die gesund sowie fit sind und ohne Aufmucken die harte, dreckige Arbeit erledigen. Dass man deshalb eher formal weniger gebildete Menschen oft aus ländlichen Regionen geholt hat, ist klar.