Als ich 15 Jahre alt war, kam Hugo Chávez an die Macht. Meine Mutter war Sprachtherapeutin, mein Vater vermietete Autos an Ölfirmen. Beide sagten schon damals, 1998, dass Chávez dem Land nicht guttun würde, doch ich war zu jung, um zu verstehen, was Sozialismus bedeuten würde.

Heute stehe ich selbst mit Hunderttausenden Demonstranten gegen das System. Wir wollen Neuwahlen. Wir protestieren gegen die sozialistische Regierung von Chavez’ Nachfolger Nicolás Maduro. Mehr als ein Dutzend Menschen sind bei den Protesten bereits gestorben. Am Samstag sind wir wieder 18 Kilometer weit durch die Stadt gelaufen. Ich selbst stamme aus einer privilegierten Familie. Doch auch im armen Westen, der eigentlich von der Regierung kontrolliert wird, standen die Menschen nun draußen und haben geklatscht.

Ich leite ein Architekturbüro in Caracas. Allerdings wird kaum noch gebaut. Immer weniger Venezolaner können sich unsere Dienste leisten. Grundmaterialien wie Beton oder Eisen werden staatlich reguliert und sind auf normalem Wege schwer zu bekommen. Das größte Problem ist die Inflation: Wenn wir einen Vertrag für ein Bauprojekt abschließen, kann es sein, dass sich die Preise bis zum Projektende vervielfacht haben. Unsere größten Scheine waren einst 100-Bolívares-Noten – seit Anfang des Jahres gibt es Noten für bis zu 20.000 Bolívares. Nach dem offiziellen Wechselkurs sind die noch ungefähr 25 US-Dollar wert, doch zu den Wechselstuben der Regierung hat man als normaler Bürger ohnehin keinen Zugang mehr. Die meisten tauschen ihr Geld darum auf dem Schwarzmarkt – und bekommen dort für 20.000 Bolívares nur fünf US-Dollar.

Lebensmittel werden täglich teurer. Man weiß nie, was man im Supermarkt findet. Vor einigen Tagen wollte ich Eier kaufen. Es gab keine. Eine Freundin, die einen Bauernhof besitzt, hat mir dann welche gegeben. Drogeriewaren sind schwer zu kriegen, weil sie staatlich reguliert sind. Heute konnte ich plötzlich doch Waschpulver und Servietten kaufen.

Ich leite neben meiner Arbeit als Architektin eine Hilfsorganisation, die sich um Kinder aus ärmeren Gebieten kümmert. Ihr größtes Problem: Mangelernährung und die medizinische Versorgung. Wer schwanger oder schwer krank ist, hat ein Problem. Krankenhäusern fehlt es an Ärzten und Medikamenten. Ich habe das Glück, Verwandte im Ausland zu haben; so komme ich an Antibiotika. Aber hier sterben Menschen, weil sie ihre Medizin nicht bekommen.

Wie es so weit kommen konnte? Es war nicht immer so bedrückend in unserem Land. Als Architekturstudentin konnte ich reisen und ein Jahr in Mailand studieren. Zwei Jahre nach meinem Abschluss verkaufte ich das Auto, das mir meine Eltern geschenkt hatten, und tauschte das Geld zum offiziellen Währungskurs in US-Dollar um. Es reichte, um das erste Semester eines Masterstudiengangs am renommierten MIT in den USA zu finanzieren. Dann erhielt ich ein Stipendium und konnte dort zu Ende studieren. Heute, nur fünf Jahre später, wäre das alles undenkbar.

Mein Mann ist ein Lokalpolitiker der bürgerlichen Primero Justitia (Gerechtigkeit zuerst), der Partei des inhaftierten Oppositionsführers Enrique Capriles. Wir sind seit zehn Jahren zusammen, ich kenne schon lange das Risiko seiner Arbeit. Doch jetzt macht es mir manchmal Angst: Einige unserer Freunde wurden verhaftet, weil sie demonstriert hatten oder weil ihnen vorgeworfen wurde, sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Ein Freund meines Mannes, Yon Goicoechea, war einer der Anführer der Studentenbewegung. Er hat eine Weile in Spanien und den USA gelebt, um seiner politischen Arbeit nachzugehen und sein Jurastudium zu vertiefen. Kurz nach seiner Rückkehr im vergangenen Juni wurde er verhaftet.

Ich hoffe, dass Maduro abtritt und den Weg frei macht für eine neue Regierung. Im Gegensatz zur Generation meiner Eltern weiß ich nicht, was es heißt, in einer Demokratie zu leben. Aber meiner Generation ist bewusst, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, dass alle faire Chancen haben. Den Sinn dafür geschärft zu haben bleibt eine Errungenschaft der Chávez-Regierung. Viele junge Leute aus der Mittelschicht engagieren sich politisch. Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass unser Land uns entgleitet und dass wir etwas dagegen tun müssen. Zwei meiner Freunde haben in Harvard studiert und sind zurückgekommen, um ihre Heimat aufzubauen. Wenn Venezuela keine sozialistische Diktatur mehr ist, werden weitere Leute zurückkehren.

Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder: Sie leben in den USA, in Kolumbien und der Dominikanischen Republik. Viele venezolanische Familien sind so verstreut wie unsere. Aber alle teilen eine Sehnsucht: nach Hause zu kommen.