Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

So lautet die Frage, die mir in den letzten Wochen in Deutschland vor allem gestellt wurde. Den deutschen Medien ist unbegreiflich, wie eine in demokratischen Verhältnissen in Deutschland aufgewachsene Generation ein antidemokratisches System bejahen, eine Diktatur unterstützen und mit der Forderung nach der Todesstrafe auf die Straße gehen kann. Man wundert sich und reagiert heftig.

Allerdings irrt man in einigen Punkten:

Zum einen ist es falsch zu verallgemeinern. Die Unterstützung für die Verfassungsreform lag bei denen, die in Deutschland ihre Stimme abgaben, bei 63 Prozent, die Wahlbeteiligung aber war fast um die Hälfte niedriger als in der Türkei (46 Prozent). Ein Teil der Nichtwähler unter den 1,4 Millionen Stimmberechtigten schert sich nicht mehr um die Türkei, weil sie vollständig integriert sind.

Ich habe solche Leute erlebt. Andererseits gibt es viele, die aus politischen Gründen nicht zu den in der Botschaft und in Konsulaten aufgestellten Urnen gehen wollten, obwohl sie für ein "Nein" eintraten. Einer von ihnen bin auch ich. Mein Votum lautete "Nein", als Dissident konnte ich aber nicht zur Botschaft gehen. Ich fasse zusammen, was Margherita Bettoni, die Redakteurin der deutschen Internetseite von Özgürüz, sagte: "Nicht die Mehrheit der Türken in Deutschland hat für Erdoğan gestimmt, sondern die Mehrheit derer, die ihre Stimme abgaben."

Und warum haben sie nun mit "Ja" gestimmt?

Einmal bedeutet ihr Ja zu Erdoğan nicht, dass es sich bei ihnen um "nicht integrierte Islamisten" handelt. Ganz im Gegenteil: Studien zufolge tendieren die meisten dazu, Parteien zu wählen, die Migranten in Deutschland wirtschaftlich und politisch unterstützen: Sozialdemokraten, Grüne und die Linke. Es geht also nicht um eine Ideologie, sondern um Pragmatismus: Erdoğan bietet ihnen eine Identität, die Deutschland ihnen nicht geben konnte. Erklärt die Tatsache, dass alle, die keinen Doppelpass haben, zwar für die Türkei wählen dürfen, aber in Deutschland nach wie vor nicht wahlberechtigt sind, nicht hinlänglich, warum sie so empfinden?

Mehr als ihre Unterstützung für Erdoğan bei jeder Wahl wundert mich, um ehrlich zu sein, dass die deutsche Regierung von Anfang an das Erdoğan-Regime unterstützt hat. Im Vergleich beider ist Ersteres doch harmlos. Wenn es normal ist, mit einer derart antidemokratischen Regierung und ihrem autokratischen Chef Abkommen zu schließen, warum sollte es dann anormal sein, für sie zu stimmen? "Wenn sie Erdoğan so sehr lieben, sollen sie doch in ihr Land zurückkehren und dort leben, statt die Vorzüge Deutschlands zu genießen": In diesem Satz offenbart sich eine völlig falsche Einstellung. Die Problematik ist nur zu lösen, indem man die Menschen gewinnt, nicht dadurch, dass man sie vertreibt.

Aus der Sicht von Menschen wie uns besteht nämlich kein Unterschied zwischen solch diskriminierender Haltung und Erdoğans Ansatz des "Geht und lebt anderswo". Zudem würde es wohl eine lange deutsche Verbannungsliste werden, wollten wir uns momentan daranmachen, die Feinde der Demokratie in Europa aufzuzählen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe