Lamin, Asylbewerber: Ich bin aus Gambia geflohen, über den Senegal, Mali, Niger und Libyen, und dann übers Meer nach Italien. Hätte ich gewusst, was mich in Libyen erwartet, ich hätte mich wohl nie auf den Weg gemacht.

Anja Batrice, Ärztin: Viele Menschen, die über Libyen fliehen, sind mangelernährt und tragen Spuren schwerer Misshandlung. Ich habe drei Monate für Ärzte ohne Grenzen auf einem Rettungsschiff vor der libyschen Küste gearbeitet. Einmal habe ich einen Mann behandelt, der brachte noch 35 Kilo auf die Waage. Andere wurden mit Stöcken und Elektrokabeln geschlagen, sie hatten streifenförmige Narben auf dem Rücken. Ein Mann, ein junger Nigerianer, hatte verstümmelte Hände, man konnte die Finger nicht mehr erkennen, da war nur noch Narbengewebe. Er erzählte, er sei von bewaffneten Männern mit Benzin übergossen und angezündet worden. Er hatte Verbrennungsspuren am ganzen Körper.

Lamin, Asylbewerber: Ich hatte gedacht, Libyen sei nur eine kurze Zwischenstation auf meiner Reise nach Europa. Tatsächlich hing ich monatelang dort fest. Uniformierte Männer haben mich auf offener Straße gekidnappt, haben mich getreten, geschlagen und eingesperrt. Um freizukommen, sollte ich Geld zahlen. Weil ich keins hatte, musste ich für sie arbeiten.

Othman Belbeisi, Internationale Organisation für Migration (IOM): Migranten werden in Libyen gehandelt wie eine Ware. Wenn sie die libysche Grenze überqueren, werden sie oft von den Schleppern festgehalten – und als Arbeitskräfte verkauft. Es gibt regelrechte Sklavenmärkte.

Lamin, Asylbewerber: Die Männer haben mich auf eine Baustelle am Stadtrand von Tripolis geschickt, ich sollte Steine schleppen. Später kam ich als Hausdiener zu einer libyschen Familie. Ich musste Terrassen schrubben, Wäsche waschen, Toiletten putzen. Ich habe von früh bis spät gearbeitet, oft bis nachts. Dafür habe ich zu essen bekommen, meist Nudeln. Manchmal verdiente ich Geld, aber nicht regelmäßig, und ich wusste nie, wie viel. Der beste Lohn, den ich bekam, waren fünf Dinar pro Tag, etwa drei Euro.

Anton Shakouri, Flüchtlingshelfer: Der Übergang zwischen freiwilliger Arbeit und Sklaverei ist in Libyen fließend. Die meisten Flüchtlinge wollen arbeiten. Arbeit bedeutet: raus aus den Lagern, selbst wenn es kein Geld gibt. Arbeit bedeutet, dass sie was zu essen bekommen. Und für Geld tun die Leute fast alles. Ich habe in Tripolis einen Mann mit vernarbten Händen gesehen. Er hat auf einer Baustelle mit bloßen Händen Beton gemischt, die waren völlig verätzt.

Jürgen Binder, Polizist: Ich befrage seit 2011 für die Grenzschutzagentur Frontex Migranten, die von Libyen nach Italien kommen. Viele haben mir von den Asma Boys erzählt, so werden junge Libyer genannt, die sich irgendeine Uniform anziehen und auf die Jagd nach Migranten gehen. Wenn sie einen fangen, bringen sie ihn zu einem Netzwerk aus Schmugglern und Gefängnisbetreibern. Westlich von Tripolis, wo zurzeit die meisten Boote ablegen, herrscht Anarchie. Viele Libyer tragen Waffen. Sie halten dir eine Waffe vor, und dann bist du geliefert.

Othman Belbeisi, IOM: Dass Menschenschmuggel in Libyen ein Riesengeschäft ist, wissen wir seit Langem. Aber dass Migranten versklavt werden, das hat im letzten Jahr zugenommen. Etwa ein Zehntel der Migranten, mit denen wir in Libyen zu tun haben, wurde als Sklaven verkauft. Vor allem Männer, aber auch Frauen und Minderjährige.