Herbst 1944. Auf einer oberitalienischen Landstraße nahe Ceretto führen vier Wehrmachtsangehörige eine hitzige Diskussion. Einer der Landser wirft seine Waffe in den Straßengraben. Es geht um einen Packen mit Papieren, den die Patrouille zuvor gefunden hat. Unter den Dokumenten befindet sich eine Proklamation von Feldmarschall Albert Kesselring. Der Kommandant der deutschen Italienfront klagt darin, dass sich seine Offiziere überall hastig abzusetzen versuchen, wodurch der Rückzug der Truppe gefährdet werde. Die Soldaten sind aufgeregt, schließlich wollen sie nicht als Kanonenfutter zurückbleiben, während ihre Kommandeure offensichtlich bereits Reißaus nehmen. Beobachtet und aufgeschrieben wurde diese Szene von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die als Deserteure ebenjene Papiere verfasst und verbreitet hatten.

Das Kesselring-Dokument war eine Fälschung im Rahmen der Operation Sauerkraut. In dieser Propagandaschlacht verbreiteten desertierte Kriegsgefangene Flugblätter, pornografische Soldatenheftchen und gefälschte Dokumente hinter den deutschen Linien. An den Operationen des amerikanischen Geheimdienstes waren auch zahlreiche Österreicher beteiligt: als Informanten, als Autoren, als Sprecher für Radiobeiträge und auch als "Propagandabriefträger" hinter der deutschen Front. In einem neuen Buch beschreibt der Historiker Florian Traussnig detailiert, wie österreichische Emigranten, die vor den Nazis geflüchtet waren, sich in den Dienst der psychologischen Kriegsführung der US Army stellten, mit der die Kampfkraft der Wehrmacht geschwächt werden sollte. Zunehmend wichtig wurde dabei ein spezifisch österreichischer Fokus. Man hoffte, antideutsche Gefühle bei Wehrmachtsangehörigen aus der damaligen Ostmark zu wecken und dadurch die gegnerischen Truppen zu entzweien.

"Wo ist die schöne Zeit der Wiener Ge-müt-lich-keit?", fragt beispielsweise die erste Liedzeile eines langsamen Walzers aus dem letzten Kriegsjahr 1944 und findet auch gleich eine passende Antwort: "In Grinzing drauss’t beim Wein, da fühl’ ich mich zu Haus’. Drum fahr ich mit mein Schatzerl, nach Grinzing oft n’aus. Da sitzt man zusammen, ist glücklich zu zwei’n und sieht die Zukunft noch goldner als den Wein." Da war zweifelsfrei ein Profi am Werk, geschult im Heurigen-Kitsch der Vorkriegszeit.

Von der Wiener Weinseligkeit war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr viel zu spüren, Bombenkrieg und Versorgungsengpässe waren längst Alltag der Zivilbevölkerung. Die Situation der Wehrmachtssoldaten war noch prekärer. Der Wiener Autor des Liedes, Edmund Linder, war sich der Situation seines Publikums bewusst. Als Antifaschist war er 1938 geflohen und schließlich zu einem der führenden Köpfe der Operation Sauerkraut geworden.

Flugblätter mit dem Walzer sollten Nostalgie und Heimweh auslösen. Die Sauerkraut-Agenten nahmen gezielt das Gemütlichkeits-Gen vorgeblich unpolitischer und genussorientierter Österreicher ins Visier. Begriffe wie "Piefke" und "Kartoffelfresser" sollten emotionale Distanz zu den "preußischen Nazis" aufbauen. Damit rannten die Psychokrieger offene Türen ein, wie der Essayist Alfred Polgar in der Emigrantenzeitung Austro-American Tribune behauptete: Der Mutterwitz des Österreichers "war immer dann am quicksten, wo es galt, dem deutschen Bruder eins in die große Schnauze zu geben".

Für dieses Unternehmen arbeiteten Österreicher aller politischen Überzeugungen zusammen. Monarchisten, Austrofaschisten und Linke waren Teil dieser Informations- und Propagandaunternehmung. Dabei durften auch Sozialdemokraten wie Julius Deutsch mitwirken oder der Wiener Autor Berthold Viertel, den der US-Geheimdienst als "parlor pink", also als kommunistischen Sympathisanten eingestuft hatte. Am Austrian Desk, dem die Produktion und Programmierung der Österreich-spezifischen Inhalte oblag, arbeiteten jene zusammen, die einander noch wenige Jahre zuvor in den teils blutigen Auseinandersetzungen im austrofaschistischen Ständestaat gegenübergestanden hatten. Politische Abstriche wurden angesichts des nationalsozialistischen Gegners von allen Seiten gemacht. So rief ein illegales Flugblatt, das mit Sicherheit unter Beteiligung österreichischer Linker hergestellt wurde, unter dem Titel 10 Gebote für Österreicher in konservativer Tradition dazu auf: "Nicht mit 'Heil Hitler' grüssen, sondern den guten österreichischen Gruss 'Grüss Gott' wieder aufleben lassen."

Nicht immer ging es in gehobener Sprache um Grußformeln oder die Heurigenkultur. Ein im Raum von Bologna verteiltes Flugblatt fand klare Worte in der Sprache der Soldaten und wurde der Terminologie entsprechend heimlich auf Latrinen verbreitet: "KAMERADEN! Genug mit der ganzen Scheisse! Wir kämpfen nicht mehr für Deutschland, sondern nur mehr für Hitler und Himmler. Die NSDAP hat uns in diese Scheissgosse geführt aber die Bonzen denken jetzt nur daran, ihre eigene Haut zu retten. Uns lassen sie im Dreck krepieren, wir sollen bis zur letzten Patrone aushalten. Die letzten Patronen brauchen wir aber, um Deutschland von der SS-Scheisse zu befreien."

Ein ungewollter Beitrag zum Nachkriegsmythos

Speziell auf die Frontsoldaten zugeschnitten war auch ein Heftchen von Edmund Linder mit dem Titel 6 Bildchen – In der Heimat da gibt’s ein Wiedersehn!, das in einer Auflage von 65.000 Stück in Rom hergestellt und hinter die deutschen Linien geschmuggelt wurde. Es war auf dem Umschlag mit der handschriftlichen Notiz "Nur für Männer" versehen und enthielt sechs pornografische Darstellungen, die als "Köder" gedacht waren. Die schmuddeligen Zeichnungen transportierten nämlich einen propagandistischen Subtext. Da wurde etwa in den Raum gestellt, die Soldatenfrauen in der Heimat würden womöglich aufgrund der Abwesenheit ihrer Männer lesbisch werden, Parteibonzen könnten sie verführen, derweil Hitlerjugendführer sich an den Soldatenkindern sexuell vergehen würden.

Bei derartiger "schwarzer Propaganda" geht es darum, Ängste zu schüren, Gerüchte zu verbreiten und Behauptungen aufzustellen – kurz: Es ist jeder psychologische Trick erlaubt, der den Feind zu schwächen versteht. Der größere Teil der amerikanischen Propagandaaktivitäten bestand jedoch aus "weißer Propaganda". Vor allem der "Kampf im Äther" wurde mit Radiosendungen geführt, die der deutschen Bevölkerung jene Informationen liefern sollten, welche ihr von den nationalsozialistischen Machthabern vorenthalten wurden. Es ging vordergründig um Information, aber zusätzlich sollte auch der Unterschied der beiden Systeme verdeutlicht werden, der tiefe Graben, der das demokratische Amerika von der deutschen Diktatur trennte.

Insgesamt waren allein über 3.000 Mitarbeiter beim amerikanischen Geheimdienst OWI mit der Produktion von Radiosendungen während des Krieges beschäftigt. Österreichische Emigranten schrieben neue, subversive Texte zu alten Schlagern und entwickelten Radioformate, mit denen sich Österreicher identifizieren konnten. Speziell für Österreich entwickelte Sendungen und Features wie Schlaucherl und Schleicherl oder Herr und Frau Adabei brachten antifaschistischen Humor in der Tradition des Wiener Kabaretts zu den Schwarzhörern aus Österreich.

Die aufklärende Radiopropaganda wurde in unterhaltsamer Form präsentiert, Humor und Dialekt lehnten sich am ostösterreichischen, am Wiener Dialekt an. Der Fokus auf Gemütlichkeit und Unterhaltung, auf vergangene Weinseligkeit und die durch den Krieg nunmehr fehlenden Genüsse war nicht als direkter Aufruf zum aktiven Widerstand gedacht. Vielmehr sollte der sentimental-nostalgische Grundakkord die Soldaten zu renitentem Verhalten ermuntern. Zugleich befürchteten die Propagandakrieger aber auch, die wienerischen Texte, die vielfach von jüdischen Autoren stammten, könnten bei Soldaten, die aus ländlichen Gebieten in Westösterreich kamen, wie etwa bei den Gebirgsjägern der Salzburger Gamsbock-Division, die alte Ablehnung der Donaumetropole und ihres Lebensgefühls neu beleben. Die österreichischen Emigranten, die an den Sendungen arbeiteten, gaben sich allerdings auch oft Illusionen hin. So ging der ehemalige Kommandant der sozialdemokratischen Parteimiliz Schutzbund, Julius Deutsch, in einem Bericht vom Sommer 1944 davon aus, dass 90 Prozent der Österreicher Gegner der NS-Herrschaft wären.

Die gutgläubigen Propagandisten leisteten letzten Endes wohl auch einen ungewollten Beitrag zum Nachkriegsmythos, der den Österreichern die Möglichkeit gab, sich als harmlose "Schlaucherln", die den dezidiert "preußischen Nazis" als Erste zum Opfer gefallen waren, aus jeder Verantwortung zu winden. Die Beteiligung an NS-Verbrechen wurde mithilfe jener Rollenbilder vergessen gemacht, die auch die antifaschistische Radiopropaganda von den Österreichern gezeichnet hatte. Im Fall einer Propagandapublikation, die vom US-Geheimdienst als Produkt einer innerdeutschen Widerstandsbewegung ausgegeben wurde, funktionierte das Täuschungsmanöver derart gut, dass sogar die Washington Post an die Authentizität des Druckwerks und damit an einen gewichtigen Antinazi-Untergrund glaubte.

Die Propagandaarbeit eines weiteren Österreichers hatte die amerikanische Öffentlichkeit im Fokus: Henry Koerner, der als junger Grafiker 1938 aus Wien geflohen war, arbeitete an Plakaten für die amerikanische Homefront. Dabei ging es um Verschwiegenheit in Sicherheitsfragen ebenso wie um Energiesparen und Konsumverhalten in Zeiten schlechter Versorgung. Koerner gelang es, ohne die Grausamkeit des Krieges direkt zu zeigen, die richtige Stimmung zu erzeugen. Sein Plakat United we are strong erinnert stark an ein Sujet, das sein Wiener Lehrer Victor Slama 15 Jahre zuvor für die Kommunistische Partei entworfen hatte. Ab 1944 arbeitete Koerner für den US-Geheimdienst als Kriegsfotograf in Europa, wo er die Zerstörung Deutschlands und Österreichs dokumentierte und im Nürnberger Prozess als Gerichtssaalzeichner die Gesichter der Kriegsverbrecher zu Papier brachte. Als er 1946 Wien besuchte, wurde ihm schnell klar, dass die antideutsche Gemütlichkeit von Schlaucherl und Schleicherl ein propagandistisch gefeiertes Trugbild war. Sein Geburtshaus Am Tabor lag in Trümmern, und die Greißlerin seiner Kindheit informierte ihn kühl über den Tod seiner Eltern und seines Bruders. In seinen Erinnerungen schreibt er: "Ich schaute hinaus zu dem Zimmer, in dem ich geboren wurde. Ich gehörte zu dem leeren Raum hinter dem zerrissenen Vorhang."

Florian Traussnig: "Geistiger Widerstand von außen", Böhlau Verlag, Wien 2017; 403 Seiten, 40 Euro